Faller AMS 4801 Mercedes-Benz 220 "Heckflosse"
Der MB 220 "Heckflosse" war seinerzeit wohl
das automobile Statussymbol der jungen Bundesrepublik Deutschland. Damit fuhren Baulöwen und Zahnärzte gleichermaßen zu ihren oftmals lediglich der freiwilligen Selbstkontrolle durch den eigenen Charakter unterworfenen Abbruch- und Aufbauätigkeiten und an manchen Wochenenden

in verschwiegener weil unmoralischer Zweisamkeit in das weit abgelegene Hotel am See bzw. offiziell zum wichtigen Jahreskongress der jeweiligen Berufsverbände. Damals gab es den Kuppeleiparagrafen noch, und deshalb liefen Hoteliers grundsätzlich Gefahr strafrechtlich belangt zu werden, wenn sie unverheirateten Paaren das Übernachten im gleichen Zimmer gestatteten. Aber Doppelzimmer als Einzelzimmer zu buchen ist nicht erst neuerdings so üblich, weil es praktisch keine echten Einzelzimmer mehr gibt, sondern war bereits in den frühen Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts eine beliebte Praxis. Die Doppelbuchung zweier Einzelzimmer nahm der Hoteldirektor gerne als Schweigegeld, und so musste lediglich noch der Portier unter Hinzufügung eines angemessenen Trinkgeldes dazu bewegt werden bei Kontrollanrufen die richtigen Antworten bereitzuhalten, eine auf beiden Seiten sehr schnell erlernte Kunstfertigkeit.
Die Bauern nutzten gerne die Dieselversion der "Heckflosse", nicht nur, weil der Dieselmotor als besonders langlebig und unanfällig galt, sondern auch, weil der Sprit (von lateinisch "Spiritus", zu deutsch "Geist" - hat nichts mit Intelligenz zu tun, aber eher mit Promille wie in "Weingeist") so kostengünstig zu haben war. Heute (2009) kostet Diesel praktisch soviel wie Benzin. Das war damals anders. Diesel war viiiiiiiel billiger als Benzin. Nun ja, das lag nicht nur am Dieselpreis, sondern auch noch an einigen kleinen Zugaben, die Vater Staat, oder die EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, später EU) dem nie Urlaub machenden, ewig unter der Last der eigenen Scholle ächzenden und permanent für die gefräßige Gesellschaft schuftenden Landwirt, dem ehemals als Reichsnährstand bezeichneten Bauern, gönnte: zum einen fuhren alle Traktoren mit Diesel, was wohl heute kaum anders ist, aber deren Gesöff wurde bezuschusst, damit der Trecker nicht mit einem Male auf dem Acker stehenblieb. Und Diesel mit Zuschuss ist allemal billiger als ohne Zuschuss, und ob der im Traktor verrußt oder im Diesel-Benz, war der Feinstaub-Mafia schließlich Jacke wie Hose. Doch noch interessanter war eine weitere Sparmaßnahme, die hart an der Grenze zur Legalität angesiedelt war, jenseits der Grenze, versteht sich. Kommen Sie 'mal ein Stück näher, damit wir nicht so laut reden müssen: Heizöl und Diesel unterschieden sich nicht wirklich in der Zusammensetzung, dafür aber um so deutlicher im Preis. Warum? Weil auf Sprit sehr viel höhere Steuern erhoben wurden als auf Heizöl. Sie verstehen richtig, meine werten Heizölverdieseler, dass hier Maßnahmen ergriffen werden mussten, die solche frevelhaften Gedanken im Keim erstickten. Zunächst wurde das Heizöl per Gesetz eingefärbt, und man konnte die Polizei überall im Lande mit kleinen Mess-Sonden Dieseltanks inspizieren sehen. War die Farbe drin, wurd's teuer. Ob das heute noch so ist oder sich vielleicht wegen des drastisch erhöhten Dieselpreises lohnen würde, ist dem Autor unbekannt, damals war es jedenfalls so.
Dem Mercedes-Benz 220 "Heckflosse" haben die Zeitumstände und natürlich sein gelungenes Äußeres, das typische Mercedes-Gesicht (heute so etwas wie corporate identity) einen regelrechten Kultstatus verliehen. Ein echter Heckflossen-Fan würde sich wohl in seinem Lieblingsauto dereinst begraben lassen, wenn die Friedhofsverwaltung das erlaubte. Klar, die heutigen Fans sind nicht die Baulöwen und Zahnärzte von damals, sondern eher die Studenten, die zehn Jahre später den Wagen gebraucht aus fünfter Hand kauften und damit wer weiß was anstellten und außerdem noch Auto fuhren. Wozu ein Student so ein Auto brauchte, der sich nicht als Wohlstandsbürger tarnen musste? Also hören Sie 'mal: in einer Studentenbude zur Untermiete war Damenbesuch nach zehn Uhr abends tabu, da hatte die Wirtin 'was dagegen, auch wegen des Kuppelei-Paragrafen. Das waren noch strenge Sitten damals - leider! Aber Damenbesuch nach zehn war ungleich faszinierender als vor zehn, auch schon damals. Wer also keine eigene Wohnung hatte - auch hier durfte der Eigentümer von Rechts wegen keinen Wind von der Sache erhalten -, der brauchte also ein komfortables Auto, voilą.
Ach, übrigens: der Faller AMS MB 220 Heckflosse war ein recht gut getroffenes Modell, was eindeutig die leicht protzige Gediegenheit des Originals widerspiegelte, auch wenn das eigentlich bloß ein oberer Mittelklassewagen war. Passend lackierte Radkappen gab es zwar bei Faller nicht, dafür aber die grauen Plastikfelgen mit Mercedes-Stern, was dieses Fahrzeug vor allen anderen adelte. Nicht alle MB's scheinen derart verwöhnt worden zu sein, zumindest besaß das Exemplar aus der Standardpackung 4002 des Autors 1964 keine Stern-Felgen. Auf den Bildern oben, die sich mit einem Klick größer darstellen lassen, sind neben den sehr verwaschenen Linien des Fahrzeugs die Mercedes-Stern-Felgen gut zu erkennen. Alle Autos der ersten Serie bekam man 1963 noch, wenn sie einzeln zugekauft wurden, in einer der abgebildeten Pappschachteln geliefert, die allerdings bereits ab 1964 durch Plastikboxen abgelöst wurden. Die Pappschachteln stellen also wegen ihrer Seltenheit ein begehrtes Sammelobjekt dar, und so verwundert es nicht, dass sie schon in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts originalgetreu nachgedruckt wurden. Original und Nachdruck sind kaum voneinander unterscheidbar, und so spricht allein der gute Erhaltungszustand der Schachteln auf dem Bild oben gegen Originalität, auch wenn die seidenpapierähnliche Innenverpackung sehr authentisch wirkt.
Die weitaus häufigste Karosseriefarbe war hellblau, und nicht wenige Autos erhielten werksseitig eine dunkelblaue Lackierung des Daches. In nennenswerter Anzahl gab es noch Karosserien in den Farben beigebraun, schwarz, hellbeige und dunkelrot, wobei die letzten beiden schon selten vorkamen. Alle weiteren Farbvarianten sind als echte Raritäten zu betrachten. Auf manchen Abbildungen in den Faller-Katalogen von damals fanden sich noch anders überlackierte Mercedes-220-Autos, die wohl als Einzelstücke speziell für die Katalogfotos so koloriert worden waren. Zumindest das rote Auto mit dem schwarzlackierten Dach, was in vielen frühen Katalogabbildungen und auf Zubehörpackungen auftaucht, ist so nie in Serie gegangen. Das Bild oben findet sich als Deckelbild auf der Packung Nr 4913 "Bus-Halt". Dort wie in anderen Abbildungen hat der Fotograf entweder die Karosserie lose aufs Chassis gesetzt, denn die Räder und die Radhäuser fluchten nicht, oder das Chassis passt nicht zum Mercedes-Benz von Faller. Vielleicht war es gar kein Faller-Chassis, sondern eins von Atlas, was der Fotgrafeur da schnell hergenommen hatte. Wer weiß? Immerhin krönte ein Atlas-Auto zusammen mit den Faller-Geschwistern einträchtig die Deckelbilder mehrerer Zubehörpackungen bis weit in die Siebziger Jahre, siehe auch
"Faller AMS oder doch nicht?" unter "die Anderen" auf diesen Webseiten. Übrigens, die Weißwandreifen waren nur im Katalog jahrelang so gezeichnet, produziert worden sind sie nie. Das Bild oben täuscht Originalität vor und hat schon zu entsprechenden Mißverständnissen geführt. Die Farbgebung des Modells einschließlich der silbernen Felgen und der Weißwandreifen entstammt dem Malkasten des Autors in Kindertagen. Interessanterweise haben die Gummireifen die Farbe angenommen und bis heute nicht wieder abgegeben, und im Gegensatz zu vielen anderen Reifen sind sie nicht brüchig geworden. Leider ist die Art oder Marke der Farbe nicht erinnerlich, aber Wassermalfarbe war es nicht. - Die MB-Karossen waren teils recht hochbeinig, was heißen will, dass ihre Schraubstutzen eine stattliche Länge aufwiesen, die eine eher kastenähnliche Optik verursachten, welche ihrerseits nicht ganz so zu der breiten platzgreifenden Anmutung des Originals passte. Aber da gab es durchaus Unterschiede in den Faller-Karosserien, und dem Autor ist bis heute nicht klar, was die Ursache für die Herstellung derart verschieden langer Schraubstutzen war. Noch auffälliger als beim Mercedes 220 allerdings war die Hochbeinigkeit des Opel Kapitän, der damit ein Großteil seiner im Original durchaus gewollten Behäbigkeit verlor. Der Mercedes jedenfalls war ein durchaus gelungenes Modell, dessen Konturen jedoch wie auf dem Titelbild eine seitliche Beleuchtung erforderten um sich deutlich darzustellen. Wohl wegen der Häufigkeit des Modells scheint die Spritzgussform (oder die
-Formen) sich bald abgenutzt zu haben, weshalb es Karosserien gibt, deren Konturen noch wesentlich unschärfer erscheinen, wie man am Beispiel der braunen "Heckflosse" sehen kann. Die Ausprägung der Türspalten ist da insofern hinsichtlich der zeitlichen Einordnung eines Modells hilfreich: Je verwaschener die Konturen, desto abgenutzter die Spritzgussform, also ist eine Karosserie mit schärferen Türspalten ein früher produziertes Modell, und eines mit unscharfen Fugen eher ein späteres. So betrachtet kann man sagen, dass der braune Benz vermutlich später als der blaue aus der Form kam. Der Autor hat eine erkleckliche Anzahl von Faller-AMS-Mercedes-Benz-Karosserien gesehen, und es scheint, dass tatsächlich die braunen (und auch die anderen selteneren) Farben generell nicht am Anfang der Serie hergestellt wurden. Da Faller die Originalform(en) wohl nicht pflegte bzw. abänderte, sondern den MB 220 aus dem Programm nahm, waren sie natürlich irgendwann nicht mehr zur Produktion zu gebrauchen. Inzwischen gab es auch den sportlichen Mercedes-Benz 230SL, der in der Publikumsgunst raketenartig aufstieg, was sich zumindest beim Faller-Modell in hohen Verkaufszahlen ausdrückte. Damit war der bereits veraltete 220 nicht mehr konkurrenzfähig und diente nur noch für kurze Zeit als Carina-Schiebemodell.