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Die Faller AMS Anlage "Western Flyer Road & Rail"
mit Fleischmann- und Roco-Rollmaterial (B. Maloney)




collection clasen: Faller AMS Anlage «Western Flyer Road & Rail», Deckelbild

Ende der sechziger oder Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts soll diese Anlage auf den Markt gekommen sein, und zwar nur in den USA, verständlicherweise, offenbar zusammengestellt von Charles C. Merzbach, dem immer wieder vehement kolportierten Onkel aus dem goldenen Westen. Der ist so interessant, dass es sich lohnt eine Weile sein Wirken zu beleuchten:

Charly Merzbach war ein schillernder Charakter im Modelleisenbahn-Business. Seit dem Ende der vierziger Jahre versah er die Generalvertretung der Firma Fleischmann in den USA. Was ihn keinesfalls daran hinderte, auch gleich Arnold- und Märklinmodellbahnen zu importieren. Für Märklin-Fans gab er sogar einen eigenen Newsletter heraus. Nebenbei vertrieb er unter dem Namen Charmerz eine eigene H0-Modellbahnmarke, deren erstes Logo verdächtig an das Märklin-Signet erinnert, und für die er in Italienien Lima-Rollmaterial zurechtstricken und gleichzeitig oder unmittelbar im Anschluss in Hong Kong mindestens Lokomotiven fertigen ließ. Eine von denen sieht der Spielzeuglok "Anna" von Fleischmann seltsam ähnlich... ach, und ein Prozess ist noch bekannt zwischen REA, dem US-amerikanischen Generalimporteur des Nürnberger Produzenten LGB und einer Firma Super Scale in New York. Da ging es darum, dass Super Scale sich LGB-Material auf dem grauen Markt bei Händlern in Europa besorgt hatte und die Sachen dann fleißig an REA vorbei in den USA vertickte, obwohl der Generalvertretungsvertrag bei Super Scale bekannt war. Selbst nach Abmahnung ging der schwunghafte Handel munter weiter. Und jetzt dürfen Sie raten, wer Besitzer der Firma Super Scale war - na, klar: unser Charly.


collection clasen: Blaze Starr posiert auf Charles Merzbachs Fleischmann-Modelleisenbahnanlage

Richtig bekannt wurde Merzbach durch seine gewagten Modellbahn-Anzeigen, in denen er die damals einschlägig hochgeschätzte Exotic Danceuse Blaze Starr ins Bild setzte. Heute würde die Berufsbezeichnung, noch fein ausgedrückt, Striptease-Tänzerin lauten. Da dies hier eine Modellautobahn-Webseite ist, gehen wir einfach einmal davon aus, dass das gemeinsame Interesse der beiden lediglich der Promotion deutscher Wertarbeit im US-Modellbahnmarkt gegolten hat. Mit Sicherheit kann allerdings des weiteren davon ausgegangen werden, dass ihre Zusammenarbeit im damals noch stärker als heute puritanisch geprägten Nordamerika mehr als ein Stirnrunzeln hervorzurufen imstande war. Selbst in unseren Tagen würden solche Anzeigen mancherorts noch für Aufruhr sorgen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Hauptkundschaft für Modelleisenbahnen in den Anfangszeiten die aus dem Krieg heimkehrenden GIs waren, und die hatten nach vier Jahren Nazikrieg und pazifischem Inselkoller kein Verständnis für derartige Entrüstungen. Im Gegenteil: nach dem Blick auf die wohlgeordneten Proportionen der jungen Dame wandten sie ihre Aufmerksamkeit schließlich der Modellbahn zu, einem friedlichen Hobby, dem sie gefahrlos im Kreise ihrer Familien nachgehen konnten. Soweit sei ein US-amerikanischer Merzbach-Biograph zitiert.

Artikel in der Montreal Gazette vom 10. Juli 1964: Blaze Starr trifft sich mit Charles Merzbach.

Allein von der zeitlichen Abfolge her ist das nicht wirklich stimmig: Dieser Zeitungsausschnitt aus einer Prommi-Klatschkolumne der Montreal Gazette vom 10. Juli 1964 erwähnt ein Treffen zwischen dem als "Modelleisenbahn-Tycoon" bezeichneten Charles Merzbach und der Stripperin Blaze Starr. Interessant ist das Jahr: 1964. Zu dieser Zeit waren alle GIs aus dem WWII, wie der zweite Weltkrieg drüben genannt wird, längst wieder zuhause. Und dass die Anzeigen allein dazu geführt hätten den Blick von Frau Starr weg in Richtung Modellbahn zu lenken, glaubt vielleicht jemand, der sich in den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts, als die sexuelle Revolution begann, die Hose mit der Kneifzange anzog. Das nationale Magazin, was die Montreal Gazette erwähnt, war der "Playboy", in dem zuvor Blaze Starr von allen Seiten porträtiert worden war. In dieser Modelleisenbahn-Fachzeitschrift haben aber selbst aus dem Krieg übriggebliebene GIs damals keine Fleischmann-Anzeige gefunden.

Blaze Starr, die im bürgerlichen Leben auf den Nachnamen Fleming hörte, hatte zuvor ihre Karriere in der Gönnerschaft eines nicht minder schillernden Gentleman vorangetrieben, nämlich als Freundin von Earl K. "Kingfish" Long, des damals in Gesellschaftskreisen gleichermaßen bekannten Gouverneurs von Louisiana. Nachdem Onkel Earl diese sterbliche Welt mit seinem letzten Köfferchen voll Dollarnoten verlassen hatte, zog Starr wieder zurück nach New York, und der Rest ist Geschichte. Sie soll allerdings ein Erbe von 50.000 Dollar ausgeschlagen haben, mit dem sie in seinem Testament bedacht worden war, vielleicht als Dankeschön, dass sie bis zu seinem Ableben an seiner Seite geblieben war. Unsere Hochachtung, Frau Fleming, wenn's alles so wahr ist. Sogar einen Hollywood-Film über ihr Leben hat man gedreht mit richtig berühmten Schauspielern. In dem hat Starr tatsächlich selbst eine kleine Rolle gespielt. Das ist schon schräg in einem Film über das eigene Leben eine Nebenrolle zu übernehmen - aber so sind sie, die Amis. In Baltimore soll es außer einem umfangreichen Eisenbahnmuseum auch ein Sexmuseum geben (oder steht letzteres in New York?), in dem einige ihrer selbstentworfenen Kostüme ausgestellt sind. In Baltimore wohnen viele Eisenbahnbegeisterte, und da stand auch der Nachtklub, in dem sie lange exotically dancte. Wohl keins ihrer Anzeigenfotos für Merzbachs Kampagnen ließ sich unzensiert veröffentlichen, was möglicherweise ihre zweifelsfrei vorhandenen Talente der Neugierde des Publikums noch mehr anempfohlen haben mochte, als wenn die Retusche nicht zum Einsatz gekommen wäre. Wer es ganz genau wissen will und wer kurvenreiche Strecken nicht nur auf der Eisenbahnanlage als unvermeidliche Notwendigkeit bei eingeschränkten Platzverhältnissen verstehen möchte, dem kann geholfen werden: Blaze Starr hat sich vom Rampenlicht zurückgezogen und stellt Schmuck her. Ja, wirklich! Die Dame ist um die achzig Jahre alt, und abgesehen von der Tatsache, dass wir beide, Sie, verehrter Leser und der Autor selbst, als gelernte Gentlemen nie im Leben auf den Gedanken kommen würden, das selbstproklamierte Alter einer Diva auch nur in die entfernteste Nähe eines der leisesten Zweifel rücken zu wollen, stimmt diese Angabe sehr gut mit dem Zeitpunkt der oben zitierten Zeitungskolumne überein. Man kann den Modeschmuck von Frau Fleming, wie sie sich jetzt wieder nennt, auch kaufen, er ist nicht einmal sehr teuer. Außerdem, und jetzt kommen Sie 'mal ein Stückchen näher, damit uns keiner hört: Blaze Starr hat eine eigene Webseite, und da gibt's auch Fotos von früher, äh, solche mit Widmung der Künstlerin für meinen lieben Schnullibulli oder so, na, sie verstehen schon, und Poster und den Film über ihr Leben (mit Paul Newman!) und überhaupt das ganze Drum und Dran, was der Eisenbahnfan (und der heimgekehrte GI vielleicht auch) so braucht, wenn er 'mal keine Eisenbahn braucht.


collection clasen: Faller AMS Anlage «Road & Rail»

Aber auch die Anlage kann als außerordentlich interessant gelten. Wenn sie es auch nicht unmittelbar mit Blaze Starrs Vorzügen aufzunehmen imstande sein sollte, bietet sie doch eine Menge Ungewöhnliches, was für sich allein schon eine eingehende Betrachtung rechtfertigt: Zunächst einmal ist es nach aktuellem Wissen des Autors die einzige Faller-AMS-Anlage, in der gleichzeitig eine komplette H0-Modellbahn mitverkauft wurde. Diese Bahn beschrieb ein zugegebenermaßen enges Oval mit einer durch den Bahnübergang verursachten geringfügigen Abflachung an den gegenüberliegenden Stirnseiten. Die Gleise erinnern an Atlas- oder Limafabrikationen, was ja möglicherweise sogar dasselbe sein könnte. Eine entsprechende Nachfrage bei Mehano, der slowenischen Nachfolgerin des ehemals jugoslawischen Modellbahnherstellers Mehanotehnika in Izola, wäre da vielleicht ganz aufschlussreich. Die Zuglok, ein Santa-Fe-Diesel von Fleischmann, bewegt insgesamt vier Güterwagen nach US-Vorbild aus der Exportproduktion von Roco.


collection clasen: Faller AMS Anlage «Road & Rail»

Nun ist es ja nicht so, dass Fleischmann damals keine US-Güterwagen im Angebot gehabt hätte. Nicht nur der Autor besaß einen kompletten Fleischmann-Zug nach US-amerikanischem Vorbild, auch in Merzbachs Fleischmann-Katalogen gab es in dieser Zeit genug Auswahl. Nein, vermutlich waren einfach die Roco-Schüsseln billiger, und irgendwie scheint Charly da auf allen Hochzeiten getanzt zu haben, besonders, wenn man bedenkt, dass Faller seine gesamte Fahrbahnproduktion seinerzeit 1963 bei Atlas fast eins zu eins abgekupfert hatte.

Tyco-Anlage «Road & Rail» von 1970

Den Export solcher Nachbauten sah man im Herstellerland des Originals zu keiner Zeit leidenschaftslos, es sei denn, er war mit ordentlichen Lizenzgebühren abgefedert. Vielleicht gab es ja auch einen Deal im Rahmen eines Kompensations-Geschäfts, denn Atlas verkaufte damals in den Staaten eine ganze Reihe Faller-Bausätze unter eigenem Label. Was man andererseits in Nürnberg bei Fleischmann zu den Roco-Aktivitäten ihres Generalimporteurs zu sagen gehabt hatte, ist zumindest nicht bis in diese Webseiten überliefert. Welche Überlegung seinerzeit Herrn Merzbach überhaupt erst dazu veranlasst haben könnte ein solches Sammelsurium in einem einzigen Karton auf den US-Markt zu werfen, lässt sich vielleicht so umschreiben: Tyco hatte ab 1970 ein ähnliches Set im Angebot, interessanterweise auch mit einer Santa-Fe-Lok und gleichartigen Güterwaggons, und das schien ganz gut zu laufen. Und wo schon ein Pferd läuft, läuft ein zweites leicht mit, besonders wenn es preisgünstiger ist. Dachte sich vermutlich Charly M., und der musste es schließlich wissen.


collection clasen: Faller AMS Anlage «Road & Rail»

Im Faller-Fleischmann-Roco-Atlas-Karton wird's noch kurioser: Haben Sie schon einmal eine Faller-AMS-Anschlussfahrbahn gesehen, die keine 20-cm-Grade ist? Absehen wollen wir einmal vom Kartondeckel der AMS-Grundpackung 4001, auf der die elektrischen Kabel aus einer Kurvenfahrbahn herauskommend eingezeichnet sind. Das darf vermutlich als dichterische Freiheit gelten. Hier sehen Sie in natura eine 90-Grad-Kurve 4390 als Anschlussfahrbahn mit einem Haufen Strippen dran, nämlich genau acht. Das passt überhaupt nicht zur Verwendung eines Universalschaltpultes 4019, denn das 4019 kann mit acht Drähten von der Fahrbahn nichts anfangen. Schaut man sich das erste Bild der Anlage genau an, dann erkennt man neben dem Trafo nur noch die zwei Regler und die Anschlüsse an der Eisenbahnanlage und der AMS-Anlage. Ein weiteres Schaltgerät ist nirgends zu sehen, auch nicht unter der Instruction zu vermuten, denn dazu liegt diese zu flach auf dem Boden. Im Film, den Mr. Maloney von der Anlage gedreht hat, sieht man ebenfalls kein Universalschaltpult. Autos und Zug werden aber gleichzeitig bewegt, und das offensichtlich über ein- und dasselbe Netzteil. Als Transformator diente damals ein Parkway-Aggregat von 1968, mit dessen Gleichspannungsanschluss logischerweise die Modellbahn verbunden war, während der Wechselspannungsanschluss offenbar die AMS-Anlage versorgte. Einem Hobbykollegen, der Reste einer 3902 "Road & Rail" in einem Nachlass fand, verdanken wir das folgende Detailbild der 4390 AMS-Anschlussfahrbahn:


collection clasen: Faller AMS Anlage «Road & Rail», seltene Anschlussfahrbahn 4390

Wir erkennen, dass beide Regler (übrigens die Variante ohne "Faller"-Schriftzug) fest mit der Fahrbahn verbunden sind. Hinweis für Sammler: Dieses Arrangement ist einmalig bei einer Faller-AMS-Anlage und daher extrem selten. Zwei Kabelpaare ohne Stecker sind offensichtlich für den Anschluss am Trafo vorgesehen. Die steckerlose Verbindung mit Schrauben war in den USA lange üblich, wie man an allen Anschlussfahrbahnen anderer Slot-Car-Hersteller aus dieser Zeit sehen kann. Lose Kabel lagen jeder Bahnpackung bei und wurden an den Konakten in der Fahrbahn und am Trafo einfach angeschraubt. "Wiring - Verdrahtung" nannten das die Hersteller, was wir eigentlich nur von Weichenstraßen und Beleuchtungseinrichtungen stationärer Modellanlagen kennen. In den USA musste erst einmal jeder Draht am Ende abisoliert und zu einem passenden "U" verbogen werden, und dann brauchte man noch den richtigen Schraubendreher, der in den Bahnpackungen nicht mitgeliefert wurde. Ob das am Morgen des 25. Dezember (in den angelsächsischen Ländern ist erst am ersten Feiertag Bescherung) überall die rechte Weihnachtsfreude aufkommen ließ, darf gelegentlich in Zweifel gezogen werden.


collection clasen: H0e Demo-Anlage Rangier-Fahrregler

So sah mit aller Wahrscheinlichkeit der verwendete Trafo aus. Die Abmessungen und Regleranordnung sind identisch, wie ein Vergleich mit dem ersten Anlagenbild oben zeigt. Auf der Anlagenseite finden sich die vier Schraubkontakte, je zwei für den Bahnstromkreis und zwei für den Lichtstromkreis, den Faller für die AMS-Anlage nutzte. Letzterer liefert in allen Eisenbahntrafos dieser Welt Wechselstrom, so auch in dem Power Pack von Parkway, was wie die Trafos fast aller anderen US-Marken in dieser Zeit von Kader Industries in Hong Kong hergestellt wurde. Das Aggregat auf dem Bild stammt von der Firma Bachmann, USA, deren Marke inzwischen Kader gehört. Auf der Bediener-Seite erkennt man gerade noch den Umpolschalter und den blauen Geschwindigkeitsregler für die Modellbahn. Wem die kleine Demo-Anlage bekannt vorkommt, der hat sicher in den späten Achzigern oder frühen Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts gelegentlich einen Eisenbahnflohmarkt besucht und einen Rangierfahrregler gesehen, der später von einem Elektronik-Anbieter serienmäßig nachgebaut und für eine stolze Summe pro Stück verkauft wurde - alles Geschichte. Dass hier ausnahmsweise die Bahn mit dem Wechselstromanschluss verbunden ist, liegt am Wesen des Rangierfahrreglers, der nutzt nämlich auch die Halbwelle. Immerhin, bei den Kontakten zur Fahrbahn waren Faller und Charles C. Merzbach vermutlich ihrer Zeit voraus, wenn auch nicht weit, denn die Einführung der Fahrbahnstecker von Aurora stand kurz bevor. An der 4390 waren beide AMS-Fahrregler fest angedockt, zuminest bis zum ersten Kabelbruch, der zumeist da auftritt, wo ein Kabel ein festes Gehäuse ohne schonende Umhüllung verlässt. Aber bis dahin war es noch weit, und viel Wasser würde noch den Hudson hinunterfließen. Über die Reparatur brauchte man sich jetzt noch keine Gedanken zu machen. Uns hätte allerdings die Ersatzteilversorgung einmal interessiert: Hat Faller einzelne 3490 als Anschlussfahrbahn-Ersatzteile geliefert, oder hat Chas. Merzbach seinen Händlern damals vorgeschlagen in einem solchen Fall einfach eine Marx-Fahrbahn zu verkaufen? Die hätte ja von ihren Steckkontakten und dem Spurrillenabstand zur AMS-Anlage gepasst wie Pott zu Deckel, nur dass wohl Marx' Slotcar-Label nicht weit verbreitet war und Marx kurze Zeit später Aurora übernehmen und die eigenen Fahrbahnen ausverkaufen würde (Quelle hat solche Anlagen unter dem Eigennamen Uniropa verkauft), aber das wusste vielleicht noch keiner, und wenn doch, hat's wohl niemanden wirklich interessiert. Warum sollte es auch den US-Boys anders gehen als den Spielkindern hierzulande, die jedes Jahr aufs Neue mit einer geänderten Verkabelung beglückt wurden, die selbst Hanno Masse, der dicke Elektriker, nicht mehr hinreichend überzeugend erklären konnte. Wie auch immer, jede Anschlussfahrbahn eines anderen Herstellers wäre ein grades Straßenteil gewesen, und hier war ja eine Kurve gefragt. Warum eigentlich? Eine 20- oder 10-cm-Grade hätte doch den gleichen Dienst getan. Gut, offenbar sollten keine Kabel die Eisenbahn kreuzen, und alle langen Graden vermutlich im Inneren des Eisenbahnovals liegen um den Platzbedarf niedrig zu halten. Aber mindestens eine 10-cm-Straße war nötig um die Brücke zu bilden, unter der ein Zug durchfahren konnte, wofür der Anlagenbauer und Autofahrernachwuchs sowieso schon eine erhebliche Fahrbahnverbiegung und eine halsbrecherische Steigung in Kauf zu nehmen hatte. Da wäre eine übliche 20-cm-Anschlussfahrbahn vermutlich besser gewesen. Auf dem Deckel der Packung ist die Anlage auch anders aufgebaut als sie in der Instruction zu sehen ist, viel harmonischer, mit moderaten Steigungen und einer längeren Brücke, dafür mit etwas größerem Platzbedarf. Vielleicht sollte aber die Variante mit den tischgerechten Ausmaßen unbedingt möglich sein ohne dass die Kabel unter den Modellbahnschienen hindurch verlegt werden mussten. Der US-Diesel von Fleischmann, zumindest der des Autors, schwankte nämlich in Kurven und bei Gleisunebenheiten mächtig um die Längsachse, was ihm nur deshalb das Umkippen ersparte, weil er gelegentlich den Stromkontakt zur kurveninneren Schiene verlor und dadurch massiv abbremste und wieder ins Gleis zurückkippte. Also sollten wohl alle Kabel außen zu verlegen sein. Im Falle der Anlagenvariante mit der steilen Brückenauffahrt bot sich nur die 4390 oder die 10-cm-Grade in der Brücke an. Faller hat aber nie die elektrischen Anschlüsse in eine Brücke eingeplant, vielleicht, weil dort die Kabelverbindungen eher Schaden nehmen konnten, als wenn sie geschützt auf dem Boden lagen. Möglich. Vielleicht ist das der Grund für die seltsame 4390, vielleicht gibt es aber noch einen ganz anderen, einen eher, sagen wir 'mal, kaufmännischen: wie nun, wenn es auf grade Anschlussfahrbahnen und/oder steck- oder schraubbare Kabelanschlüsse für Slotcaranlagen in den Staaten damals noch einen Gebrauchsmusterschutz gab? Dann wäre eine krumme Anschlussfahrbahn mit fest verbundenen Reglern vielleicht nicht davon betroffen und die Herstellung einer eigenen solchen unabdingbar gewesen.

Eine normale 4390 umzubasteln ist möglich aber umständlich, denn neben den drei Kabeldurchführungen am Fahrbahn-Außenrand in der Nachbarschaft zu drei Wickeldornen (für die ursprünglich vorgesehenen drei Kabel), die Faller allen passenden Fahrbahnen, sogar den eigentlich einspurigen Kehren, gegönnt hat um daraus gegebenenfalls Anschlussfahrbahnen herstellen zu können, besitzt die abgebildete 4390 vier separate tiefe Ausnehmungen für die vier Kabelpaare. Die drei Wickeldorne hat Faller gleich als Halterungen für die bodenseitige Abdeckplatte aus Plastik zweckentfremdet. Diese Platte ist dort vermutlich aufgeklemmt oder punktgeklebt und offensichtlich nicht gelockert noch im Original vorhanden. Welch' ein außergewöhnlicher Erhaltungszustand nach bald 45 Jahren! Schade eigentlich. Sonst hätten wir nämlich einen Blick darunter riskieren können. Befinden sich dort Selen-Gleichrichterplättchen oder nicht? Wie anders wären sonst die Gleichstrom-Motoren mit dem Wechselstrom aus dem Trafo zurechtgekommen? Faller-Autos mit eingebautem Selengleichrichter können das ja, aber alle anderen Marken waren in dieser Zeit nicht so ausgerüstet. Und deren Autos sollten mit Sicherheit ebenfalls Zugang zur Anlage haben, die entsprechende Kompatibilität war vermutlich ein wichtiges Verkaufsargument. Aber zwei Kabelpaare in Richtung Trafo sind eigentlich zuviel des Guten. Das hat zwar Faller mit seiner Anschlussfahrbahn 4702 auch so gemacht, aber die Frage nach dem Sinn dieser Maßnahme hat Hanno Masse damals an den vorgezogenen Altersruhestand denken lassen. Für jede Fahrbahn ein eigenes Kabelpaar zum Stromanschluss - das macht nur Sinn, wenn man für jede Fahrbahn einen eigenen Trafo verwenden möchte. "Wohl kaum", sprach der Ochse, als man ihn melken wollte. Wer braucht für eine Verkehrsanlage pro Spur einen eigenen Trafo? Bei großen Rennanlagen und schwachbrüstigen Netzteilen ist das vielleicht wichtig, aber nicht bei Halbwellenbetrieb mit einer "Anschlussfahrbahn Verkehr" (4702, O-Ton Faller). Sinnvoll wären die vier Strippen, wenn man damit beide Fahrspuren separat umpolen könnte. Das geht aber nur im Gleichstromkreis, also vom Trafo aus gesehen "hinter" dem Gleichrichter. Da der Gleichrichter in der 4702 fest eingebaut ist, verlaufen die Kabel zum Trafo "vor" dem Gleichrichter, also im Wechselstromkreis. Die kann man vertauschen sooft man will. Wechselstrom lässt sich nicht umpolen. Also wozu bei Merzbachs "Road & Rail" die zwei steckerlosen Kabelpaare an der 4390, wenn nirgendwo ein Gleichrichter zu sehen ist, weder auf den Bildern, noch im Film? Entweder besaß der Transformator doch einen zweiten Gleichstromkreis, oder der Gleichrichter versteckt sich in der 4390, was auch aufgrund der relativ großflächigen Abdeckung zu vermuten ist. Dann wäre das zweite Kabelpaar zum Trafo eigentlich überflüssig, denn beide Drähte, die am Trafo zusammengeklemmt werden, könnten ja unter der Fahrbahn zusammengelötet sein. Damit reichte jeweils ein einzelner Draht für jeden Pol.

Die Autos fahren also mit der Halbwelle des Wechselstroms, eine für amerikanische Verhältnisse ungewöhnliche Technik, die Faller als einziger Hersteller serienmäßig nutzte um zwei Autos unabhängig voneinander auf einer Fahrpur steuern zu können. Dazu braucht man allerdings für jede Spur auch zwei Fahrregler, die aber nicht anzubringen sind, wenn Steckkontakte fehlen und ein einzelner Regler pro Spur fest angelötet ist.

«American Flyer» Railroad & Slotcar Set, Faller AMS Instruction for two Cars on one Lane

Dass die 4390 mit den so verbundenen Reglern ein einsames Bastelergebnis darstellt, kann in Anbetracht ihres fast fabrikneuen Zustandes wohl als ausgeschlossen gelten. Tatsächlich findet sich in der Instruction von Bill Maloneys Anlage (siehe Film) eine Anleitung zur Verschaltung für unabhängiges Hintereinanderfahren. Diese Anleitung zeigt das Bild einer normalen Anschlussfahrbahn 4702, die in der "Road & Rail" nicht mitgeliefert wurde. Wenn das dennoch in der Instruction so gezeigt wurde, heißt das tatsächlich, dass auch in der 4390 eigentlich Steckkontakte vorgesehen waren, oder soll es zeigen, wie schön das gemeinsame Leben auf einer einzigen Spur sein könnte, wenn man noch etwas Geld ausgäbe und eine Spezial-Anschlussfahrbahn dazukaufte? Immerhin findet sich diese Anleitung unter der Überschrift "Erweiterungen der Anlage". Oder zeigt das vielleicht nur, wie die Instruction schnell mit der heißen Nadel zusammengestrickt wurde? Das wiederum wäre auch nicht unüblich. Die Halbwellentechnik wurde übrigens von Aurora Anfang der siebziger Jahre für kurze Zeit bei ihrer Slotless(ohne Führungsschlitz)-Rennbahn "Xlerators" für den Überholvorgang eingesetzt, hier hat man sich das langjährige Faller-Know-How zunutze gemacht. Selenplättchen besaßen allerdings bereits manche der ersten Thunderjet-Chassis von Aurora. Der Autor besitzt ein solches Chassis, das offensichtlich auch mit Wechselstrom betrieben werden können sollte, den manche Altanlagenbesitzer aus der Vibrator-Zeit noch benutzten. Ein oder zwei Jahre nach der Umstellung vom Vibrator-Chassis auf die T-Jets wird Aurora das Selenplättchen weggelassen haben.


collection clasen: Charmerz H0 Caboose von Charles M. Merzbach

Der erwähnten Rest-Anlage des Hobbyfreundes lagen noch zwei seltsame Kupplungen bei, die nichts mit Faller und AMS zu tun haben. Sie stammen von Charmerz, der Modellbahn-Hausmarke von Charles Merzbach, von der auf diesem Bild eine Caboose zu sehen ist. Vielleicht hat ja unser Charly gelegentlich die Western-Flyer-Road-Rail-Sets auch mit hauseigenen Bahnmodellen ausgestattet, gut möglich.

Ein ganz seltenes Accessoire war der Anlage noch mitgegeben: zwei ultrakurze Übergänge von der Faller-AMS-Fahrbahn auf das Aurora Model Motoring System. Es handelt sich um reine Plastikteile ohne Stromleiter. Man musste also den Aurora-Teil der Anlage separat anschließen und mit Schwung die Übergänge passieren, damit es nicht passierte, dass nichts passierte, also dass das Auto stehenblieb. Die Aurora-Fahrbahnen passen nicht zu den AMS-Straßen, weder in der Breite (sie sind schmaler), noch im Spurabstand (da sind sie breiter), noch bei den elektrischen Verbindungselementen, weshalb letztere sicherheitshalber gleich weggelassen wurden. Vielleicht hat Faller diese Verbindungsstücke garnicht hergestellt, denn schwarzes Plastik ist eigentlich nicht ihr Hobby. Aber Atlas oder Lionel beziehungsweise deren japanischer Zulieferer, oder eventuell sogar direkt ein Unternehmen in Kowloon, Hong Kong, das so etwas für den US-Markt sowieso im Angebot hatte, die kämen mindestens genausogut infrage.

Vielleicht war alles auch ganz anders. Die Kupplungen, die Charmerz bei seinen Modellbahnen verwandte, finden sich gleichermaßen an Atlas-Modellen dieser Zeit und - jetzt wird's noch bunter - auch noch bei den unter eigenem Namen vertriebenen Eisenbahnmodellen von Mehanotehnika. Roco ließ dort herstellen und Atlas ließ dort herstellen. Roco hieß aber in den USA Atlas, das heißt Roco fertigte eigentlich die Atlas-Loks und -Wagen oder ließ fertigen, jedenfalls im US-amerikanischen Markt exklusiv für Atlas. Die Eisenbahn-Schienen in der Packung waren vermutlich ebenfalls Atlas-Produkte, und die Übergangs-Autofahrbahnen zum Aurora-System auch. Soviele Atlas-Produkte im Atlas-Land an Atlas vorbei zu verkaufen wäre sicher selbst Charles C. Merzbach schwer geworden. Eigenhändig Roco-Material in die USA zu importieren hätte ihm sicher noch mehr Ärger eingehandelt, hüben (bei Fleischmann) wie drüben (bei Atlas). Also hat Atlas mindestens zugestimmt, und vielleicht war die "Road & Rail"-Anlage ja eigentlich eine Atlas-Packung. Könnte doch sein. Der Grafikstil des Deckelbildes erinnert an die Atlas-Kartons und entfernt an die ersten Aurora-Komplettsets aus den frühen Sechzigern. Die großen Slotcar-Hersteller hatten alle irgendwann einmal solche Kombipackungen in ihrem Sortiment um die Eisenbahner an die Autobahn zu gewöhnen oder eher umgekehrt. Tyco hatte das (siehe oben) und selbst Aurora hatte das, Anfang der sechziger Jahre, sogar mit Tyco-Modellbahnen drin! Das war noch vor der Zeit, in der Tyco Auroras schärfster Konkurrent auf dem Slotcar-Markt wurde. Aurora hat dann, und das muss Anfang der siebziger Jahre gewesen sein, Tyco auf dem Modellbahnsektor Paroli bieten wollen und selbst einen Ami-Diesel und ein paar H0-Wagen hergestellt (oder herstellen lassen?), interessanterweise mit den gleichen Kupplungen wie Atlas und Charmerz und Mehanotehnika. So wirklich erfolgreich war Aurora damit aber nicht, und deshalb kennt man hierzulande die Aurora-H0-Modellbahn kaum. Atlas hatte wohl, als die "Road & Rail"-Packung herauskam, die eigene Slotcar-Produktion aufgegeben. Der damalige Atlas-Chef Steve Schaffan jr. war in solchen Dingen schnell und rigoros. Was nicht mehr wirtschaftlich erfolgreich zu werden schien, wurde eingestellt, und die Reste in Bausch und Bogen versilbert. So sind Ende der sechziger Jahre ein US-Händler namens Kovelevsky (Auto-World) und eine deutsche Firma namens Faller zu Resteverwertern der Atlas-Slotcar-Modelle im großen Modellmaßstab geworden. Kovelevsky hat die Dinger bis fast in die achziger Jahre in den Staaten verkauft, und, als er seinen Laden schloss, den Rest noch weitergegeben. Bei Faller hießen die großen Atlas-Autos "Club-Racing" und blieben ganze zwei Jahre im Katalog. Dann war dieser Spuk in Germany vorbei, und Carrera blieb bis heute die wichtigste Adresse für große Straßen. Wenn nun Atlas auch keine Aktien mehr im H0-Slotcar-Business hatte, so könnte man sich bei Aurora gedacht haben, dann würden sie doch bestimmt ein paar Schienen und Modellbahnen für eine "Road & Rail"-Packung liefern. Auch Auroras Management wechselte in dieser Zeit, weil Aurora mehrfach den Besitzer wechselte, und damit könnte die projektierte Auto- und Eisenbahnpackung wieder auf Eis gelegt worden sein. Also könnte der Plan zur "Road & Rail" ursprünglich bei Aurora entstanden sein. Klingt skurril und ist es wahrscheinlich auch. Aber weiter: Atlas hatte die Bahnmodelle, die Schienen (ihr Hauptgeschäft), die Verpackungen und auf einmal keine Slotcars mehr, weder die von Aurora noch die eigenen. Also fragte man die alten Kumpels bei Faller, ob die sowas regeln würden. Klar, das konnten die. Charly wurde noch interviewt, ob er einen Diesel von Fleischmann beisteuern konnte, denn der fehlte wohl auch noch in der Sammlung, und gleich die Packung unter unauffälligen Label vermarkten wollte, um die hauseigene Kundschaft nicht zu verprellen. Klar, das konnte Charly, der machte sowas schließlich hauptberuflich. Wer weiß, vielleicht ist der Deal so oder so ähnlich bei einem freundschaftlichen Beisammensein am Rande der Nürnberger Spielwarenmesse ausgekungelt worden. Immerhin findet sich auf dem Verpackungsdeckel keine der Marken, die vermutlich da drin waren: nicht Faller, nicht Atlas, nicht Roco, nicht Parkway, nicht Charmerz, nicht Mehanotehnika, sondern nur "Western Flyer", und das sagte so gut wie garnichts über die Herkunft des Inhalts, den CCM da nach Gefühl und Wellenschlag einsortieren konnte. Fürwahr eine seltene Zusammenstellung, zumindest für Falleristi hierzulande.

Bei allen Ausführungen im Konjunktiv handelt es sich um wilde Spekulationen, die mit der Wirklichkeit vielleicht garnichts zu tun haben. Ort, Zeitpunkt, Handlung und Handelnde (im doppelten Wortsinn) sind also frei erfunden. Prädikate im Indikativ zeigen allerdings an (indizieren, deshalb heißt die Nummer wahrscheinlich Indikativ), dass der Autor diese Inhalte zumindest einigermaßen für glaubhaft hält, auch wenn keinerlei Garantie übernommen wird. Die obengenannten Informationen und Bilder zur US-Anlage verdanken wir Herrn Bill Maloney aus Wilmette, Illinois, USA, der sie lange in seinem Besitz hatte. Ein kleiner Film bei youtube illustriert die Funktion und gibt Einblicke in die "Instruction". Hier ist die Webadresse:

http://www.youtube.com/watch?v=YeXPRt0o-bU

Bis der Film geladen ist, können wir Mr Charles C. Merzbach ein wenig beim Eisenbahnspielen zusehen. Der hat, nachdem in Kanada eine seiner Anzeigen mit Blaze Starr im knappen Bikini der Zensur zum Opfer gefallen war, sich selbst in Pose geworfen. Eins muss der Neid ihm lassen: Humor hat er gehabt.


collection clasen: Charles C. Merzbach spielt mit seiner Fleischmann-Modellbahn.