Faller-AMS Anlage in der Jubiläums-Kunstausstellung des BBK Stade-Cuxhaven 2011
Kleiner kann keiner. Der Bund Bildender Künstler, kurz BBK genannt, die berufsständische Vertretung der professionellen Künstler(innen) in Deutschland, und zwar der Bezirk Stade-Cuxhaven, feierte dieses Jahr (2011) sein sechzigjähriges Bestehen. Dazu präsentierte er eine ganz besondere Kunstausstellung. Alle angeschlossenen Künstler waren darin mit einem Kunstwerk zu sehen, und zwar genau einem einzigen Werk, nicht mehr und nicht weniger. Es sollte ein aktuelles, ganz neu gestaltetes Teil sein, und jeder hatte exakt den gleichen Raum zur Verfügung. Nicht etwa so, wie Sie glauben mögen, dass der Bildhauer einen Quadratmeter Boden und der Maler einen Quadratmeter Wand als Ausstellungsfläche nutzen durfte, nein, viel restriktiver: Alle Teilnehmer erhielten von der Ausstellungsleitung ein halbes Jahr vor der Vernissage einen flachen Kasten aus Buchenholz in die Hand gedrückt, außen 40cm mal 40cm messend, innen nur noch 38cm mal 38cm, 5cm tief. Da, mach' 'was draus! Alle Bilder/Plastiken/Objekte waren also gleichgroß, quadratisch, und wurden nebeneinander an die Wände gehängt. Man durfte hochgespannt sein, wie die unterschiedlichen Künstler ihre Aufgabe lösten.
Die öffentliche Vernissage fand statt am 02.10.2011 um 11.50 Uhr im Atelier Minke Havermann, im Dorfe 5, 21726 Hagenah. Veranstalter war der BBK Stade-Cuxhaven. Zur Einührung sprach Jutta de Vries, Kunstpädagogin aus Stade. Sie als interessierte Leser dieser Webseite und Ihre Freunde waren herzlich dazu eingeladen. Die Ausstellung hieß treffend "Das Format ist das Thema" und lief bis zum 30.10.2011. Also wenn Sie zur Vernissage nicht mit dabei sein konnten, dann hatten Sie später auch noch Gelegenheit sich die Sache anzusehen. Und angesehen haben sollten Sie sich die Exponate. Zumindest eins davon war noch nie und wird wohl auch nie wieder in dieser Machart als Relief in einer Kunstausstellung zu bewundern sein: eine funktionsfähige Faller-AMS-Anlage!
Okay, dass das Kunstwerk eine Anlage geworden ist, verdanken wir dem Zufall, oder sagen wir 'mal: dem Ehrgeiz von Künstlerin und Techniker. Ehrgeiz? Was zum Wieauchimmer stachelt den Ehrgeiz eines Künstlers an sich auf 38cm mal 38cm zu verwirklichen? Antwort: eben diese Beschränkung ist es. Künstler sind Individualisten. Es gibt wohl kaum eine Berufsgruppe, deren Mitglieder sich weniger Vorschriften machen lassen wollen als freischaffende Künstler, außer wenn sie gerade einmal Geld brauchen. Dann gestalten sie auch Auftragskunst, die man seit Hunderten von Jahren bewundern kann, aber das steht auf einem anderen Blatt. In der Regel lehnen Künstler für ihr Tun jede Einschränkung kategorisch ab. Sie lassen sich von der dinglichen Welt nicht eingrenzen. Eher schaffen sie Werke, die ihrerseits Grenzen sprengen, kulturelle, kommunikative und nicht selten politische. Arrivierte Künstler und auch solche, denen die rechte Anerkennung versagt blieb, haben viele politische Umstürze in unserer Geschichte mit ihren Werken begleitet, angefacht, oder sie haben selbst aktiv eingegriffen, im guten wie im bösen Sinne.
Ein echter Künstler zeigt also der Welt, wie lächerlich eine Beschränkung auf ein Holzkastenquadrat mit 38cm Kantenlänge im Grunde ist. Wie macht er das? Hier ist die Antwort von Jeanette Clasen: Nicht irgendetwas stellt sie dar, sondern gleich das Maximum, einfach alles: die Unendlichkeit. Oha! Das wollen wir sehen, die Unendlichkeit auf weniger als 160 Quadratzentimetern. - Nun sind solche Bemühungen nicht neu. Bereits die alten Griechen sahen sich gezwungen für die Darstellung unendlicher Zahlenreihen in der Mathematik das Undenlichkeitszeichen einzuführen, eine horizontal liegende Acht. Dieses Zeichen hat es in sich. Ohne Anfang und ohne Ende kann man wie auf einer Kreislinie mit dem Finger darauf herumfahren, und das unendlich lange ohne je zu einem Ziel zu gelangen. Man kreuzt seinen eigenen Weg immer wieder und sieht ihn aus verschiedenen Perspektiven, alles Streben wiederholt sich ohne dass es gleich wie bei einem Kreis oder einer Spirale erkennbar wird, besonders nicht für denjenigen, der "drin steckt", während ein Betrachter von außen, also beispielsweise der Besucher der Ausstellung, der das Kunstwerk an der Wand betrachtet, den Zusammenhang viel leichter erkennt, ohne allerdings im mindesten eine Vorstellung darüber entwickeln zu können, zu welchem Zweck und mit welchem Ziel der Weg immer wieder gegangen werden muss. So wird das Zeichen zu einer Art Symbol unseres Daseins und gleichzeitig unseres Alltags.
Es böte sich an eine mehr oder weniger malerische Darstellung des Unendlichkeitssymbols in den Kasten zu sperren, quasi als Protest gegen die räumliche Bevormundung. Aber das Werk soll mehr sein, Sinnbild des Lebenszyklus, unseres zivilisatorischen Anspruchs und des technologischen Fortschritts, Piktogramm des Alltags in der westlichen Welt 2011 und Erinnerung an die Zeit im vorigen Jahrhundert, als der BBK Cuxhaven-Stade gegründet wurde, denn schließlich befinden wir uns in einer Jubiläumsausstellung. Und in den Nachkriegsjahren war die Gründung eines politisch ungebundenen Berufsverbandes für Künstler ein Aufbruch in eine bessere Zukunft, etwas, was die Gründer von damals sicher mit großen Gefühlen begleitet haben, und was in der Bedeutung für die Entwicklung der freien Kunst in Deutschland garnicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Also Technik sollte zu sehen sein, am besten eine aus dem aufstrebenden Nachkriegsdeutschland, der Alltag sollte erkennbar werden und das unendliche Weiterstreben, dessen Sinn vielleicht nur eine höhere Instanz verstehen mochte, es sollte nicht entmutigend wirken und trotzdem die Künstlerin selbst zeigen in ihrem rastlosen Streben nach Vervollkommnung ihrer Ausdrucksmittel, gefangen in einer begrenzten Unendlichkeit. - Gut, gut. Jetzt wurd's irgendwie sehr philosophisch, aber man kommt ins Fabulieren, wenn man sich so seine Gedanken macht. Lesen Sie 'mal ein Buch über van Gogh. Nicht eins von van Gogh, der hat gar keins geschrieben, sondern eins über van Gogh. Wenn van Gogh das alles, was da steht, wirklich so gedacht und gemeint und gewollt hat, dann ist er vor lauter Denken, Meinen und Wollen gar nicht zum Malen gekommen, und das ist erwiesenermaßen aber doch der Fall gewesen, auch wenn er zu seinen Lebzeiten nur ein einziges Bild verkauft hat, und das an seinen Bruder, der war nämlich Kunsthändler. So ist die Welt nun 'mal, und der Maler malt 'mal.
Und was hat das ganze jetzt mit einer Faller-AMS-Anlage zu tun? Gemach, gemach, Kunst ist wie das wahre Leben, und das hat sich auch nicht an einem Tag entwickelt. Zunächst war klar, dass das einfache Unendlichkeitszeichen, die liegende Acht, nicht infrage kam. Zu einfach, zu profan, zu durchsichtig. Also eine abgewandelte liegende Acht mit Beulen und Kurven, die den Weg nicht gleich als Kreislauf offenbaren soll, so, wie es uns das Leben auch immer wieder vorgaukelt. Und dann musste ein Brüller her, so etwas, was noch in keiner Ausstellung hing. Nicht ganz einfach. Immerhin hat Beuys schon in Kassel eine Badewanne voller Exkremente ausgestellt, was damals auch noch in keiner Ausstellung gezeigt worden war, und weit provokanter schien als die ersten nackten Brüste griechischer Göttinnen zweieinhalbtausend Jahre zuvor. Blöd war nur, dass die Putzfrau in ihrem begreiflichen Reinlichkeitswahn die Wanne am Abend säuberte, und der Meister am nächsten Tag wutschnaubend für neue Füllung sorgen musste. Ob er das Geschäft höchstpersönlich verrichtete, oder auch dafür seine Mitarbeiter bemühte, ist nicht bis in diese Webseiten überliefert. Aber er hat den Schaden als Versicherungsfall gemeldet, und somit konnten andere sich mit der schrägen Vermarktung befassen. Er hat auch den meterlangen Eisenstab nicht selbst in die Erde gerammt, der dann nur noch als Metallfleck im Boden zu erkennen war. Auch dieses Exponat bedurfte seinerzeit der Erklärung, denn wer hätte das Ding nicht sonst für eine Messplakette vom Katasteramt gehalten statt für ein sündhaft teures Kunstobjekt, was direkt in Richtung Neuseeland zeigte, durch den Erdmittelpunkt, versteht sich. Auch Rembrandt hat in vielen seiner besten Kunstwerke sogar andere Künstler, die seine Schüler waren, Hand anlegen lassen. Aber ganz soweit sollte es diesmal nicht kommen. Nur die technische Umsetzung der künstlerischen Ideen war zu delegieren, sonst nichts. Frisch gewagt ist halb gewonnen, also: "Sag' 'mal, kann man diese Linien nicht in diesem Kasten auch mit Faller-Fahrbahnen realisieren?" Unschuldiger Blick. Was für eine Frage! Das konnte nicht einmal Faller selbst, als dort noch Leute in der Firma saßen, die sich mit AMS auskannten, geschweige denn heute. Sowas basteln Slotcarfans in Holz oder in Edelstahl oder in Marmor, aber nicht mit Faller-Plastikradien von der Stange.
Aber, und jetzt erwacht der Ehrgeiz des Technikers, die erste Faller-AMS-Anlage als Kunstwerk in einer Ausstellung! So 'was schlägt doch die vollgesch...... Badewanne von Beuys um Längen, zumindest in den Augen eines echten Hanullomaniacs. Die frühen Renn-Anlagen von Playcraft, Aurora und Atlas waren oft mehr oder weniger einfache liegende Achten, eben das Unendlichkeitszeichen, was ihnen in den Katalogen Anfang der Sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Namen wie "Over 'n Under" und "Infinity" (Unendlichkeit) eintrug. Over 'n Under heißt nichts anderes als drunter und drüber, was bedeutet, dass bei einem kreuzungsfreien Rennbetrieb eine Brücke einzuplanen ist. Um die Neigungswinkel der Fahrbahnen nicht unbefahrbar hoch anwachsen zu lassen, erweist sich eine Mindeststreckenlänge als Voraussetzung, die den Rahmen des 38cm-x-38cm-Kastens bei weitem sprengt. Das gilt zumindest für zweispurige Anlagen. Aber von Doppelspur hat niemend etwas gesagt. Andererseits gibt es keine einspurigen Fahrbahnen, die solche für die realistische Gestaltung notwendigen Radien beschreiben. Und einigermaßen realistisch sollte es aussehen, denn sonst hätte ja das Kunstwerk gleich mit Pinsel und Farbe erstellt werden können. Und wenn es schon realistisch aussah, konnte es dann nicht auch funktionieren wie eine richtige Anlage? Das ist so etwas mit dem Ehrgeiz. Das Denkbare fordert das Machbare. Ein Zeichen unserer Zeit: Was gedacht werden kann, kann auch gemacht werden. So, wie Bob Marley posthum noch einen digital remasterten Song veröffentlichte, nimmt eine Faller-AMS-Anlage mit Fahrbahnen Gestalt an, die zu ihrer Verkaufszeit einen solchen Aufbau nicht gestattet hätten, und ihre Zeit war immerhin 1985 bereits unwiderruflich zuende.
Die farbliche Gestaltung des Infinity Drive könnte für den Untertitel "Der Alltag ist bunt." sorgen. Wie, Sie meinen, das ganze sei ja nur grau? Weit gefehlt. Vielleicht hat Faller seine Straßenteile grau eingefärbt, die Anlage jedenfalls ist knallbunt. Das Grau, was Sie zu sehen glauben, ist sogar eine Zusammenstellung aller Farben des Spektrums, gemischt mit Weiß. Das ist tatsächlich so, und deshalb kommt es nur auf die Betrachtungsweise an. Hätten Sie Gelegenheit erhalten den Farbenmischvorgang zu beobachten, wäre Ihnen das klar. Zeitlich aufgesplittet ist also das, was wir sehen, nicht einmal vor unseren Augen und hier auf diesem Planeten so, wie es aussieht, geschweige denn im Weltall und in der Relativitätstheorie und in der Politik.
Was Faller-AMS-Fans naturgemäß am meisten interessiert, nämlich die Frage des technischen Aufbaus dieser Anlage, ist unter
Infinity Drive Bau näher beschrieben. Hier nur soviel: Fahrbahnen wurden zersägt, die Anlage ist fest installiert in ihrem Mini-Kasten, sie kann mit Halbwellen-Wechselstrom über zwei eingebaute Dioden oder Gleichstrom alternativ betrieben werden. Was, Sie glauben nicht, dass sie funktioniert? Dann klicken Sie 'mal auf das folgende Bild. Dort gelangen Sie zu einem Film im wmv-Format, knapp 18MB groß. Der zeigt Faller-Autos (Porsche GT, Ferrari GT) mit Flachankermotoren und einen Cadillac mit Blockmotor von 1964, die ohne Nachzuregeln auf der Anlage cruisen. Die Stromversorgung stellt ein Steckernetzteil mit 12V Wechselstromausgang sicher, gefahren wird mit der Halbwelle, also etwa knapp neun Volt. Können Ihre G-Plus-Boliden das etwa nicht? Schade, die des Autors übrigens auch nicht. Für die sind neun Volt zu wenig, und bei mehr Saft fliegen sie trotz ihrer magnetischen Downforce regelmäßig aus den Kurven.