
Also, dieser Kartondeckel sieht ganz so aus, als sei Charles C. Merzbach auf der Nürnberger Spielwarenmesse Anfang der siebziger oder Ende der sechziger Jahre am Faller-Stand vorbeigeschlendert und hätte gefunden, dass er daheim in Neu-York eigentlich neben seinen Modelleisenbahnen und Schiebeautos auch noch schnell ein paar H0-Slotracer verhökern könnte. Das Geschäft mit diesen lächerlich kleinen Rennbahnen war in den letzten Jahren so gut gelaufen, besonders für Aurora und Tyco und einen Haufen anderer Firmen, die ruck-zuck da miteingestiegen waren, nur nicht für Charly M., weil der eben keine Bahn im Programm hatte, und die Nummer mit den großen Autobahnen im Carrera-Format, die er so etwas halbherzig mitgespielt hatte, die lief in den Staaten seit 1967 überhaupt nicht mehr gut, zumindest nicht im reinen Spielwarensektor. Und nun sah er hier den Faller-Stand vollgestellt mit beweglichem Plastik und die Jungs von Faller, die mit ihrem Autobahnspielchen sich schon mehrere Jahre hintereinander mächtig aufplusterten, weil die Geschichte in Old Germany offenbar immer noch gut lief. Dabei hatten die doch erst im Jahre 1963 Fahrbahnen, Verbinder und Blockmotorchassis fast eins zu eins von Atlas abgekupfert oder zumindest sehr schnell gelernt oder aus der gleichen Quelle getrunken oder ein wenig mit den Atlantikern gedealt und nur ein Jahr später das Aurora-T-Jet-Chassis als Prototyp ihres Flachankermotors nachgebaut. Falls die jetzt noch Lizenzgebühren berappen mussten, schien das trotzdem irgendwie kein Problem zu sein, der Umsatz stimmte offensichtlich. Und falls nicht, umso besser. Eigentlich sollte ein Deal schon einzufädeln sein, hatte unser Charly doch bereits in der Holzmodellära den Faller Bros. geholfen ihre Blackwood Forest Artikel über den großen Teich zu flößen. Vielleicht war diese Verbindung zwischenzeitlich ja ein wenig eingeschlafen, weil nun mittlerweile Atlas unter dem eigenen Label eine Reihe Faller-Bausätze in den Staaten verhökerte, vielleicht waren auch gerade nur die alten Kumpels nicht am Stand, mit denen Chas. Merzbach in den Anfängen der wilden Sechziger auf der Toy Show in Japan Tokyo zum Leuchten gebracht hatte, bis der steil ansteigende Kurs des Yen die Karavane nach Hong Kong vertrieben hatte - wer weiß?
CCM betrat den Stand.
"Good morning - speak English?"
Er schob den Kaugummi in die Wangentasche.
"Oh - äh, ö-jess, jess!"
Der junge Vertreter schaute sich hilfesuchend nach einem Kollegen um, der in der Lage sein könnte einen schwer verständlichen alemannischen Dialekt ins Ausländische zu übersetzen.
"Oder ain bischen German - Döütsch?"
CCMs gewinnendes Grinsen und der sauber gekämmte Linksscheitel flößten Vertrauen ein.
"Oh - ah, jess, äh ja, auch!"
Der polyglotte Tausendsassa (wir können alles außer Hochdeutsch
1) lief beinahe rosa an, als ihm ein Einfall kam:
"Wëit, Ei go änd bring se direktor, jusst e moment, pliese shit town, äh sitt daun!"
Er schob dem Fremden einen der unbequemen Barhocker, die unbegreiflicherweise auf jedem Messestand zu finden sind, unter den Hintern und ließ ihn erst einmal mit vielen kleinen Slotcars allein (Bitte kein Neid!).
Se direktor wusste natürlich, wer da auf seinem Hochsitz Platz genommen hatte, denn der Herr war bereits von den Fleischmännern avisiert und als echte Verkaufskanone auf der anderen Seite des großen Teiches beschrieben worden. "Also waaßd, demm Scharle kunnsd da Grousmudda vakaafn, der bringgd die dou drübn sofodd lous", hätte der Jean (Nachf.) aus Nbg zum Edwin aus Freiburg (weitere Umgebung) gesagt, wenn die beiden damals dabei gewesen wären. Waren sie zwar nicht, aber se direktor wusste auch so Bescheid, denn von den alten Zeiten hatte man ihm schon wiederholt vorgeschwärmt.
"Hello! Gudd morning, mischter - - -"
"CCM",
unterbrach CCM knapp und fingerte seine Karte 'rüber.
"Ah! Wwwery matsch plesent, mischter CCM, wot känn Ei for Ju du?"
Blöde Frage, natürlich einen Haufen Spielzeug liefern zu wahnsinnig günstigen Konditionen, am besten eine Tonne Kommissionsware mit Zahlungsziel unendlich, möglichst vorgestern und frei Warenlager Neu York in se juneited stëits, ju anderständ? Ach so - eine gesponsorte Werbekampgne in allen Fernsehsendern der 52 Bundesstaaten zur Prime Time wäre ganz hilfreich.

Sagte CCM zwar nicht, aber se direktor hatte das instinktiv erfasst. Yankees und Badenser finden beim Geschäftlichen relativ zügig eine Basis. Also ging die Schacherei los. Zwei Stunden und fünf Südschwarzwälder Obstbrände später (doppelte) war man sich soweit einig, dass eine Komplettpackung mit Autos und Fahrbahnen den Anfang machen sollte. Bei der projektierten Stückzahl traten die alemannischen Guckerli zum ersten Mal über den Brillenrand, und die dahinter postierte Rechenmaschine begann sich in Schweiß zu rattern. Herrgoddle naa, des war ja wie Weihnachde! Nur mit dem Inhalt der Packung ging der Onkel aus dem goldenen Westen offenbar nicht ganz condom. Eine einzige Acht, das war eindeutig zuwenig. Aurora und Tyco hatten bereits vor Jahren ihre Double-Eight-Packungen auf den Markt geworfen, Aurora schob 1970 mit seinen "12 Stunden in Sebring" bereits eine von mehreren AFX-Varianten nach,

und auch bei Atlas gab es diese Formation im Layout Manual vermutlich sogar seit 1962 zu bewundern, sodass in den Staaten die Doppelacht so etwas darstellte wie die Mutter aller Wohnzimmer-Rennstrecken, und da konnte man mit einer Einzelacht beim besten Willen nicht gegenanstinken, selbst wenn die Acht eine Steilwandkurve enthielt und billiger war. Billiger war okay, aber Doppel-Acht, das war die Mindestforderung. Bis zur Spielzeugmesse in NYC
2 würde zwar kein passender Deckel für die Doppel-Acht-Packung gedruckt sein können, aber das schien kein Problem darzustellen. Onkel Scharle wollte sich da 'was einfallen lassen, zum Beispiel einfach auf den Deckel ein englischsprachiges Papperl aufkleben lassen, wo Double Eight draufstand. Na gut, brauchte man sich also nicht drum zu kümmern, und die passenden Kurven und Graden, einfache 4120 und 4390, langweilten sich sowieso schockweise im Lager. Also ab damit über den Atlantik!
So oder so ähnlich könnte die oben abgebildete Packung zustande gekommen sein, wobei immer noch nicht geklärt ist, wie in der Eile das Inlet fertig werden konnte, denn das unterschied sich wegen der deutlich veränderten Fahrbahnausstattung doch erheblich von der Original-3902. Ein weiteres Detail dürfte Charly M. ebensowenig übersehen haben: der Trafo in der 3902 war in den Staaten nicht zu gebrauchen. Dort gab's und gibt's auch heute noch (2010) nur 110 Volt aus der Steckdose, und der Stecker passt nicht.

Dafür braucht man auch bei Metallgehäusen keinen Schutzkontakt, was vielleicht den ein oder anderen Slotcar-Fan im Dunkeln schon einmal zum Leuchten gebracht hat, eine hintersinnige Übersetzung des Aurora-Rennbahntitels "Nightglow Race" und der beleuchteten Autos, der "Flamethrower", letzteres übrigens ein für Aurora eingetragenes Warenzeichen. Zugegeben, der Kalauer ist nicht ganz geschmacks-neutral, aber der Autor fühlt sich mit Plastikgehäusen oder Schutzkontakt-Steckern bedeutend wohler. So einfach den Transformator wegzulassen hat Onkel Scharle sicher nicht gutgeheißen. Auf dem Papier-Überdruck ist jedenfalls ein Trafo abgebildet, der in dieser Form allen US-amerikanischne Eisen- und Autobahnpackungen jener Zeit beilag, und der stammte so ziemlich ausschließlich aus Hong Kong. Also wird CCM seine Beziehungen spielen gelassen haben und auf die Schnelle für jede Bahnpackung noch ein Parkway-Aggregat oder ein ähnliches Fabrikat aus der Eisenkernwickelei bei Kader senior in Hong Kong organisiert haben, dorthin besaß er ja beste Verbindungen. Vielleicht hat Faller auch bereits selbst in dieser Hinsicht Rat gewußt, so ganz verborgen dürfte den Badensern die Chance zur Billig-Produktion in Fernost nicht geblieben sein. Sicher ist, dass es US-Faller-Bahnpackungen gegeben hat und auch US-Faller-Trafos, die eindeutig aus der Kader-Schmiede in der damals noch britischen Kronkolonie stammten, wie das Bild hier beweist. Wer die wann organisiert und vielleicht vor oder nach dem Verschiffen in die 3902 hineingepackt hat, der hat jedenfalls damit noch einen Haufen Arbeit gehabt. Gelohnt hat sich das Ganze sicher nur, weil der Dollar Ende der Sechziger etwa vier Deutschmark wert war. Wenn man bedenkt, dass damals im allgemeinen Preisgefüge in den USA der Dollar für die Konsumenten etwa den gleichen Wert besaß wie die D-Mark für den deutschen Verbraucher, dann sind 19,95 US-Dollar als Endverbraucherpreis für eine respektable H0-Autorennbahn von Aurora komplett mit zwei Fahrzeugen und einem Trafo nicht viel, und so konnte sich der Export einer Fallerbahn nur lohnen, weil die Mark gegenüber dem Dollar so unterbewertet war. Das gleiche gilt aktuell (2010) für den chinesischen Yüan, und so bastelt man sich Wirtschaftswunder. Kleiner, aber feiner Unterschied: China beherbergt x-mal so viele Menschen wie Old Germany, und wenn die alle loslegen, werden Rohstoffe, Energie und Nahrung auf diesem Globus knapper und damit teurer, und das trifft wieder die, die nicht genügend Wirtschaftskraft aufbringen können.
1 Aktueller (2008-2009) Slogan aus einer TV-Imagekampagne des Landes Baden-Württemberg
2 New York City