collection clasen

collection clasen

Die Faller AMS 4001 "Grundpackung" 1964 bis 1967

collection clasen: Faller AMS 4001 «Grundpackung»

Als Faller zum Winter 1964/65 nach nur einem Verkaufsjahr der AMS-Palette die projektierte Reihenfolge der Katalognummern für seine Komplettpackungen verließ, verschwand die 4001 "Ein-Wagen-Packung" aus dem Sortiment und wurde durch die 4000 "Ein-Wagen-Packung" ersetzt. Eine neue Geschenkpackung erhielt die Katalognummer 4001 als Zweitbesetzung: die "Grundpackung". Erste leichte Verwirrung stellte sich im freundlichen Haushaltswarenladen am Platz vorne ein, der nun schon seit Edwin Fallers Nachkriegsaktivitäten H0-Zubehör der Marke mit den gelben Kartons und der rot-weißen Banderole führte und sich wegen des schmalzfreundlichen Vertretergesichts dazu hatte hinreißen lassen auch die AMS-Produkte mit ins Programm zu nehmen, nicht ahnend, welche technischen Verwicklungen in den kommenden Jahren bevorstehen würden, aber Frau Meier war dem Charme des Vertreters einfach nicht gewachsen gewesen. Und nun das! Der kleine Franz, vorlaut wie immer, fragte natürlich gleich, warum die eine 4001 nur ein Fahrzeug enthielt und die andere deren zwei, und warum die eine Ein-Wagen-Packung "4001" hieß und die andere "4000". Das war ja noch irgendwie mit der Geschwindigkeit des Demokratisierungsprozesses der jungen Bundesrepublik zu motivieren, aber als die Frage nach dem Sinn der Fahrregler 4031 auftauchte, die in der neuen Grundpackung an die Stelle der Schaltpulte 4030 getreten waren, noch dazu, wo sie so viel weniger Funktionen besaßen als jene, war zunächst ein eifriges Studium der "Instructions" erforderlich. Leider förderte dieses Studium nicht unmittelbar die Erkenntnis bei Händler und Kunden, und so blieb diese Frage wie so viele Fragen jener Zeit unbeantwortet, aber das konnten wir bereits 1964 Frau Meier vom Haushaltswarenladen nachsehen, zumal die Verkäufer vom großen Warenhaus in der City weit davon entfernt waren solche lästigen Kundenfragen überhaupt ernst nehmen zu können.

collection clasen: Faller AMS 4001 «Grundpackung»

Auf beiden Deckel-Längsseiten hatte Faller Inhalt, Fahrbahnvariationen und elektrische Verdrahtung aufgedruckt. Letztere war 1964 noch einfach zu handhaben und übersichtlich gestaltet. Indes fand der kleine Fritz bereits damals die Kabelanschlüsse der Anlage seltsam eingezeichnet. Nicht eine grade 20cm-Anschlussfahrbahn ist auf dem Deckelrand zu sehen, sondern eine 90°-Kurven-Fahrbahn 4390. Sowas gab's von Faller garnicht, und so begnügte sich Fritz mit der selbstgestrickten Erklärung, dass es der Kartondesigner nicht so genau genommen habe mit dem Einzeichnen der Strippen in die Anlage. Interessant ist allerdings, dass sehr viel später eine solche Anschlussfahrbahn tatsächlich von Faller hergestellt worden ist, und zwar für die "Road & Rail", eine Anlage mit Faller-Autos und Fleischmann-/Roco-Modelleisenbahnzubehör, die wohl nur in den USA verkauft wurde. Vielleicht wollte Faller mit der 4001 bereits über den Atlantik, und vielleicht gab es ja dort einen Gebrauchsmusterschutz auf eine grade Anschlussfahrbahn, wer weiß?

Hätte allerdings hierzulande damals Frau Meier auch nur eine leise Vorahnung beschlichen, in welcher Weise sich allein die 4001 optisch und elektrotechnisch bis in ihr letztes Vertriebsjahr 1967 entwickeln sollte, hätte sie vielleicht einen frühzeitigen Termin bei ihrem Rentenberater vereinbart, aber das zu erwartende Geld dürfte Anfang der sechziger Jahre für Frührentner keinesfalls ausgereicht haben einen auch nur halbwegs akzeptablen Lebensunterhalt bestreiten zu können, lagen doch die Jahre der hitzigen Inflation noch vor der damaligen Weltwirtschaft.

Faller AMS 4001 Grundpackung Anlage

Wie dem auch immer wolle, mit den Fahrbahnen der Grundpackung jedenfalls (sechs mal die 90-Grad-Kurve 4390, drei mal die 20-cm-Grade 4120, zwei mal die 10-cm-Grade 4110 und zwei grade Ausgleichsstücke à 3cm) ließ sich neben den Ovalformen der Ein-Wagen-Packung eine einfache Acht aufbauen, die zweitkleinste Rennstrecke mit gleichen Spurlängen. Die Acht war asymetrisch, eine symetrische Acht mit zwei graden Fahrbahnen darin braucht zwei 45-Grad-Kurventeile, die erst ab der zweiten Variante der 4001 beilagen. Insgesamt gab es drei Variationen der Grundpackung. Die hier gezeigte erste Variante kam in einem schmalen Karton daher, nicht größer als die Ein-Wagen-Packung, und kostete 1964 DM 33,--. Der Preis ist übrigens im Gegensatz zu allen anderen Anlagenpackungen nicht auf dem Kartondeckel aufgedruckt, zumindest nicht auf dem abgebildeten. Im Jahr darauf kostete die 4001 schon DM 37,--, und auf dem neuen größeren Karton fand sich nun auch eine Preisangabe. Das Kartondeckelbild zeigte in allen Varianten den 1964 neu im Sortiment erschienenen Mercedes 230SL "Pagode" als Coupé - es gab ihn auch als Cabriolet, dann heißt er nur nicht mehr Pagode - und den Porsche 356. Auch im Hauptkatalog 1964/65 und interessanterweise auf der Innenseite der Instruction waren diese Fahrzeuge abgebildet und sogar benummert. Auf dem Deckelseitenrand und dem Instruction-Deckblatt war allerdings der Mercedes 190SL zu sehen, und in der ersten Ausführung der 4001 stellten Mercedes 190SL und Porsche 356 die Standardbestückung dar. In Einzelfällen scheint auch eine später noch vorhandene schmale Verpackung mit den Auto-Nachfolgemodellen ausgerüstet worden zu sein. So schreiben es zumindest Hick und Müller in ihrem lesenswerten AMS-Buch. Allerdings ließ sich inzwischen nachweisen, dass der Porsche 911, der eigentlich erst 1969 im Katalog erschien, sehr viel früher in die Produktion gegangen sein muss. Dazu finden sich detaillierte Angaben auf der collection-clasen-Seite, die sich mit dem Porschemodell beschäftigt. Ein wenig vermittelt bereits die erste Variante der 4001 den Eindruck, als habe Faller damit unter anderem den US-Markt im Auge gehabt, der ja durchaus in der Lage gewesen wäre die Grundpackung 4001 als Einstieg aufzunehmen, und da mögen die aktuellen Mercedes- und Porschemodelle sicher als notwendige Zutaten angesehen worden sein. Vielleicht ist der frühe Produktionsbeginn des Porsche 911 bei Faller ja deshalb zunächst für den Export gedacht gewesen. Ein originalverschweißte 4001 im schmalen Karton mit dem Porsche 911 darin legt daher eher die Vermutung nahe, dass der Porsche zu einem sehr frühen Zeitpunkt hergestellt wurde, als dass eine noch herumliegende schmale Verpackung Jahre später mit diesem Modell bestückt worden sit, denn wie hätte Faller die alte Schachtel verkaufen sollen? Natürlich konnte auch ein Mitarbeiter der Firma oder ein Freund oder Geschäftspartner eine alte Packung später noch zu einem Sonderpreis erwerben, auch möglich. Andererseits: mit "original verblisterten" Verpackungen gibt es bekanntermaßen aufgrund kreativ gehandhabter Nachverschweißungen auch hier und da bereits Zuordnungsprobleme. Warum das so ist? Nun ja, eine "unbespielte Originalverpackung" ist in Sammleraugen ungleich höher bewertet, und pecunia non olet, zu deutsch: Öl riecht nach Geld oder so ähnlich.

collection clasen: Faller AMS 4001 «Grundpackung» collection clasen: Faller AMS 4001 «Grundpackung»

Innen im Deckel fand sich neben den Fahrbahnvariationen der Standardpackung 4002 ("Guck 'mal, Papa, was man damit alles bauen kann!" - clever, nicht wahr?) auch die Anlage mit Doppelkreuzung, die nun nicht mehr als "4003" tituliert war, ein Zeichen dafür, dass der Hersteller tatsächlich das ursprünglich vorgesehene Schema verlassen hatte. Die ehemalige "4003", vermutlich nie produziert, wurde als Erweiterung der 4002 angepriesen, obwohl sie natürlich auch mit Zukäufen und Fahrbahnen der 4001 hätte erstellt werden können. Aber Faller hatte die 4001 als Ausgangspunkt für Rennanlagen vorgesehen, und da passen Kreuzungen nicht unbedingt hinein, wenngleich im Hauptkatalog diese Anlage sehr wohl als Erweiterung der Grundpackung dargestellt war. Vielleicht hatte sich die Designabteilung einfach ein wenig Arbeit erspart und die Innenbedruckung einheitlich belassen. Auf einer Längsseite des Kartondeckels fanden sich innen alle 1964 verfügbaren und geplanten AMS-Fahrzeuge abgebildet, eine Ansicht, die beim kleinen Franz gelegentlich für suppentellergroße Augen sorgte. So hat der später nur noch den Mädels beim Hüftschwung hinterhergeglotzt.

Die Verdrahtung erlaubte ein Nebeneinanderfahren der beiden Autos, die verschiedenartige Polung aufwiesen, so, wie die Spuren gegenläufig gepolt waren mit einem gemeinsamen Null-Leiter (braunes Kabel) von beiden innenliegenden Leiterbahnen ("Stromschienen") zurückgehend zum Transformator. Ab Werk wies der Porsche 356 eine positive Polung auf und war dementsprechend mit dem weißen Führungsstift ausgestattet, während der MB 190SL negativ gepolt war und einen schwarzen Führungsstift besaß. So steht es zumindest in den Instructions. Die Fahrtrichtung beider Autos ließ sich problemlos ändern ohne etwas umstecken zu müssen, doch wollte man beide Autos auf einer Spur unabhängig voneinander steuern, brauchte man den neuen Zusatzgleichrichter 4035, der zwar in der Instruction dargestellt, aber in der Grundpackung nicht enthalten war. Der dritte Weihnachtstag brachte mit einem Gang zum Haushaltswarenladen am Platz vorne nach einer halben Stunde Diskussion in entspannter Atmosphäre endlich Klarheit über die Verhältnisse, die offenbar dergestalt beschaffen waren, dass der Vater in absehbarer Zukunft noch einmal den Beutel würde zücken müssen, eine durchaus schmerzbewehrte Bewegung zu einer Zeit harter und hartverdienter Wirtschaftswunderwährung (www).

Zunächst lief jedoch alles nach Plan: Fritz und Franz spielten Autorennen, immer um die Acht herum. Das war am Weihnachtsabend die Beschäftigung, hinter der alle anderen Aktivitäten zurückstehen mussten. Beide zappelten ungeduldig auf ihren Stühlen herum, während die Familie andächtig der Weihnachtsgeschichte lauschte, die damals in vielen deutschen Wohnstuben wie Schmalz vom Plattenteller tropfte, vorgetragen im eindringlichen Bariton des Sprechers Mathias Wiemann. Die Viertelstunde, in der sich die beiden Seiten der schwarzen Vinylscheibe auf dem Plattenteller mit 45upm (Umdrehungen pro Minute) drehten, war traditionsgemäß etwa so heilig wie das Tischgebet und das Gedicht vor dem Tannenbaum, für dessen Vortrag die junge Generation zuständig war. Ohne Fleiß keinen Preis, hatte der Vater immer gesagt, also musste man sich die Geschenke quasi verdienen. Diese Hürde war ja zum Glück bereits genommen, zwar nicht nur mit Bravour, sondern eher mit einigen Hängern im Vortrag, dessen systemimmanente Peinlichkeit ohne Mutters hilfreiche Souffleusendienste vermutlich durchaus hätte noch überboten werden können, obwohl der gestrenge Herr Papa die Augenbrauen gelegentlich bereits bis zum Anschlag hochgezogen hatte. Ok., das war gelaufen, die Geschenke fix sondiert, die Bahn aufgebaut und losgespielt, und nun kam dieser Weihnachtsgeschichtenerzähler wieder dazwischen! Mann, oh Mann! Konnte man nicht dieses Jahr wenigstens einmal darauf verzichten? Nein? - Nein. Dann eben nicht. Es war ja Weihnachten, und, das war durchaus einzusehen, irgendwie feierlich sollte es ja auch sein. Feierlich war die Stimme von Herrn Wiemann in der Tat, für den Geschmack der beiden Modellrennfahrer viel zu feierlich. Konnte der denn nicht ein bischen schneller reden? Franz hatte schon einmal einen Versuchsballon gestartet und den Plattenspieler schnell in einer unbeobachteten Sekunde auf 78upm gestellt, aber das hatten die Eltern dummerweise bemerkt. Spätestens als es sich aber zu der Zeit begab, da Augustus Kaiser in Rom war, vorgetragen von einem Schnellsprecher mit Mickymausstimme, begab sich aber der Vater zum Plattenspieler, da ihm die Sache nicht mehr feierlich genug erschien. Dort war zwar dank modernster Röhrentechnik und mehrstufiger Getriebewahl bereits die Volkszählung in Palästina gelaufen, aber nun wurde die Weltgeschichte abrupt angehalten. Die unausweichliche Folge war, dass Herr Wiemann von neuem ansetzen musste, diesmal wirklich im getragenen Originalbariton mit gutturalem Rachen-"R", also eigentlich reine Zeitverschwendung. Zeit wurde von Fritz und Franz in Spielbetriebseinheiten kategorisiert, die unaufhörlich verrannen bis zum point of no return, also bis zum Zeitpunkt des endgültigen Zubettgehens, zu dem selbst der treueste Dackelblick keinen Aufschub mehr erwirken können würde. Das Fatale (schicksalhafte, von lateinisch fatum, das Schicksal) an der Sache war, dass das Abendessen auch noch bevorstand, was die Anzahl der Spielbetriebseinheiten an diesem heiligen Abend noch einmal deutlich einschränkte. Das war wirklich Schicksal, denn diese Beschränkung der guten Zeit war nur die eine Seite der Medaille, ohne deren andere Seite die gute Zeit erst garnicht stattgefunden haben würde. Dieses im Hinterkopf bewegend verharrte die Familie sittsam am festlich geschmückten Tisch, die Mutter dachte an den morgigen Gänsebraten und, ob die Oberhitze im neuen Elektroherd mit diesem Monster fertig werden würde, der Vater schaute verstohlen zu den brennenden und gelegentlich flackernden Kerzen am Baum und dem Eimer Wasser, der zum Baumschmuck gehörte wie die Erinnerungen an brennende Häuser und Bombennächte zum Gedankengut der Erbengeneration eines tausendjährigen Reiches. Die Großeltern genossen die Gemütlichkeit und allgemeine Ruhe, in der endlich der Sprecher einmal gut zu verstehen war. Alle anderen Menschen um sie herum und besonders die eigenen Familienmitglieder hatten es sich in den letzten Jahren zur Angewohnheit gemacht so undeutlich zu sprechen, ja richtiggehend zu "nuscheln", dass man sie überhaupt nicht mehr verstehen konnte. Aber Herr Wiemann, der sprach deutlich. Außerdem hatte der wenigstens eine angenehm tiefe Stimme, nicht so wie Tante Elsbeth, die Vater immer Euphrosine nannte, oder Franz und Fritz, wenn sie wieder einmal stritten. Die kreischten allesamt so fürchterlich hochfrequent, dass einem die Ohren schmerzen konnten. Franz indes saß bereits mit abgewinkelter Ferse auf dem Stuhl, denn aufgrund seiner nähreren Position zur Glatzenmühle (damals heißer Ausdruck für Plattenspieler, vergleichbar mit etwas mega-coolem oder saugeilem von 2009) war es seine Aufgabe die Nadel sofort weiterzubefördern, wenn die Stelle mit dem Kratzer kam, an der die Schallplatte hängenblieb, und der Text sich ununterbrochen wiederholte. Hier ließen sich wertvolle Sekunden schinden. Das Dumme an der Geschichte war: der Kratzer war irgendwo in den Lobpreisungen, von denen es in der Weihnachtsgeschichte mehrere gibt. Das geht so etwa los nach den Hirten auf dem Felde, blablabla, Engel in der Höhe (komisch, eigentlich war man ja entweder auf der Höhe oder eben nicht oder kam von derselben, aber in der Höhe?), blablabla, und siehe da, ist Euch (besonders "Euch", Franz hatte nix davon gemerkt) der Heiland geboren, blablabla, und Ehre sei Gott in der Höhe, und da war es dann. Diese Zeile wiederholte sich nach einem heftigen "Krrrrraaatsch" immer wieder einschließlich des "Krrrrraaatsch". Hätte ein solches Ereignis wohl zu jeder anderen Zeit Anlass für Heiterkeitsausbrüche gegeben, nun kam diese Unterbrechung zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, und die Brüder waren sich wie selten einig, dass dem Sprecher dieses Jahr keine Gelegenheit gegeben werden sollte den Lauf der Geschichte weiterhin dergestalt repetierend zu verfälschen. Fritz streichelte inzwischen seinen Porsche 356, den er sich schnell noch in die Hosentasche gesteckt hatte, damit er ihm nicht wegfuhr während der nicht enden wollenden Weihnachtsgeschichte, wartete gespannt auf den Moment des Kratzers und fragte sich, ob Franz das richtige Ehre sei Gott in der Höhe erwischen würde, und es nicht, wie letztes Jahr, erst einer schriftlichen Aufforderung mit drei Durchschlägen bedurfte ihn in Aktion zu versetzen. So jedenfalls hatte das 1963 der Vater lachend kommentiert. Aber da hatte er die Rechnung ohne das zweifellos weiterentwickelte und noch lernfähige Großhirn seines Sprößlings gemacht. Franz hatte unter dem scheinheiligen Vorwand sich rechtzeitig vor dem vorweihnachtlichen Verschließen der guten Stube, wo der Plattenspieler stand, und das Christkind oder der Weihnachtsmann oder wer auch immer unter Verschluß sein segensreiches Werk entfalten sollte, also dort wollte er sich angeblich durch das Lauschen der Weihnachtsgeschichte auf sein Weihnachtsgedicht vorbereiten, der Schlingel. Der Mutter war die Sache nicht ganz geheuer erschienen, aber schließlich, was konnte es schaden, wenn der Junge rechtzeitig noch ein paar Takte Religionsgeschichte inhalierte? Da der mit dem Plattenspieler umgehen konnte, hatte ihn die Mutter allein gelassen, und Franz hatte, vermutlich erstmals in diesem zur Neige gehenden Jahr, seine Hausaufgaben gemacht. Er hatte sich die Stelle mit dem Kratzer so gut eingeprägt, das diesmal wirklich nichts schiefgehen konnte. Mathias Wiemann holte soeben Luft um der besonders betonten ersten Silbe des Ehre sei Gott das nötige festtägliche Gewicht verleihen zu können, da spurtete Franz zum Schaubb-Lorenz-Phonoschrank, fischte elegant den Tonarm vom Teller um ihn danach kurzerhand zielsicher hinter dem letzten Ehre sei Gott in der Höhe wieder aufzusetzen. Unmittelbar darauf war die erste Hälfte der Geschichte bereits erzählt, und Franz beeilte sich die Platte umzudrehen, weshalb er sicherheitshalber gleich beim Plattenspieler stehengeblieben war. Der Vater hatte kurz aufgeschaut und Franz einen Blick zugeworfen, den der mit niedergeschlagenen Augen erwidert hatte, weil der Blick so ausgesehen hatte, wie "Na, was soll das denn", und auch der Mutter war die Weihnachtsgeschichte dieses Jahr ungewöhnlich kurz vorgekommen, aber niemand hatte etwas gesagt, und so begab es sich zu der Zeit, da Faller die 4001 Grundpackung in deutsche Wohnzimmer exportierte, dass Herr Wiemann massiv an der Wahrnehmung seiner Chronistenpflicht gehindert wurde, zumindest zwischen dem ersten Ehre sei Gott in der Höhe und dem letzten Ehre sei Gott in der Höhe, und nur wer wirklich weiß (www), wie viele Ehre sei Gott in der Höhe die Weihnachtsgeschichte enthält, kann den Gewinn an Spielbetriebseiheiten ermessen, der sich durch den kreativen Umgang mit der frühesten christlichen Religionsgeschichte erzielen lässt.

Kurz und gut, die Klippe war umschifft, oder, vielmehr, das Umschiffen war so unnötig geworden wie die Umsegelung des Peleponnes seit dem Durchstich des Kanals von Korinth. Bis auf das Abendessen mit dem Tischgebet - Fritz hatte hierzu den passenden Vierzeiler in Rekordzeit aufzusagen geübt - ließen sich die restlichen Feierlichkeiten nebenbei ertragen, das heißt, es durfte weitergespielt werden. So drehten die hochbeinigen Langschraubstutzen-Karosserien auf ihren Plattenchassis mit der schnarrenden Messingschnecke unverdrossen von immer geschickter manövrierenden Händen gesteuert ihre Runden, rechts 'rum, auf die Brücke, abbremsen, links 'rum, runter, ein bischen Gas, Vorsicht Halbkreis links, kurz Vollgas, abbremsen vor der Rechtskurve und mit Gas wieder die Brücke hochdriften. Inzwischen hatte der polnische Chor auf der Langspielplatte alle gängigen deutschen Weihnachtslieder durchgeorgelt. Seitdem die Großeltern einen eigenen Plattenspieler bedienten, hatten sie sich eine ansehnliche Zahl von Alben zugelegt. Album war ein vornehmerer Ausdruck für die Langspielplatte (LP) im Unterschied zur "Single", wenn es sich nicht um verschiedene Interpreten handelte wie bei einem "Sampler". Die LPs der Großeltern beinhalteten im wesentlichen heimisches Liedgut und waren vorzugsweise im Ausverkauf oder als Sonderangebot erstanden, denn die Zeiten waren ja immer noch unsicher, man hielt besser die Groschen zusammen, allerdings in stets gespannter Bereitschaft. Sollte die Inflation wieder zuschlagen, wäre sofort das ganze Plattengeschäft am Platz vorne leergekauft, bevor das Geld nichts mehr wert sein würde. Zweimal war das nun schon innerhalb eines halben Jahrhunderts passiert, und beim drittenmal würde man schlauer sein. Für das Weihnachtsgeschäft ausgelegte Produktionen hatten sich gerne preisgünstiger Chöre und Orchester bedient, was heute nicht viel anders ist. So sangen denn die wackeren Hinterpommerschen Dorfspatzen, oder wie der Chor hieß, deutsch vom Blatt. Nicht dass das schwer gewesen wäre, ihr Gesangsdeutsch war besser als Grammatik und Orthografie des mittleren deutschen Oberschülers vor dem Einjährigen, aber sie sangen zu langsam. Der Vater hatte das immer moniert, die Großeltern hatten das heftig bestritten, die Mutter wollte keinen Unfrieden, und die Jungs hatten gemeint, man könne das Problem doch schnell einer Lösung zuführen, wenn man an diesem Schalter, da, wo 78upm stand, - nein, nicht? Schade, man hätte so schön die Rennen wieder lautstark kommentieren können, was nun nicht ging, weil Großvater sonst sich nicht in den akustischen Genuss der Weihnachtslieder vertiefen konnte. Na, gut, dann wurde eben leise weitergefahren. "Fröhliche Weihnacht überall..." hatte der Chor soeben intoniert, und Fritz, der ein echtes Imitatorentalent besaß und jede Reklame auf Anhieb nachplappern konnte, hatte vor sich hin ge-echot: "Frö-Höllische Wein-Nacht Übberr-Alll", während er seinen 356 in die Startposition bugsierte. "Was hast Du gesagt?" fragte der Großvater mit leicht grollendem Unterton, denn er musste offensichtlich einen Angriff auf sein geistiges Eigentum gewittert haben. "Nix, nix", war der Fritz eilig zu vernehmen gewesen, "ich hab' nix gesagt. Der Franz hat gefurzt." Der Fehdehandschuh war geworfen. Die Schande konnte nur mit Blut abgewaschen werden. Die nächste Viertelstunde der Weihnachtsfeier ist aus Taktgründen nicht überliefert, bekannt ist nur, dass es der Mutter gelungen war das Duell auf die Rennstrecke zu verlagern, ein Umstand, der ihr schlagartig die Sinnhaftigkeit dergestaltigen technischen Spielzeugs vor Augen geführt hatte. Von da ab war jedes Fahrzeug, das im Eifer des Gefechtes aus der Kuve getragen worden war, vom Konkurrenten mit einem hämischen "Frö-Höllische Wein-Nacht" bedacht worden, was den Rennen eine durchaus scherzhafte Komponente verliehen hatte. In akustischer Reichweite des Großvaters hatte sich der Kommentar auf ein kurzes "Überr-Alll" beschränken müssen, wonach die Brüder zumeist in heftiges Lachen ausgebrochen waren, denn eine Geheimsprache schweißt dann doch zusammen. Übrigens war die Frage der Singgeschwindigkeit anderntags von Tante Euphrosine und ihrer Original-Leipziger-Thomanerchor-Weihnachtslieder-Langspielplatte klar entschieden worden, denn das Metronom aus der Thomaskirche war schließlich über jeden Zweifel erhaben: Der polnische Chor sang einfach zu langsam.

Nun, das konnte dem Rennfahrernachwuchs wirklich gleichgültig sein, sie hatten schließlich wichtigeres im Sinn. Die Rennleidenschaft hatte auch das Einläuten der Weihnacht durch die Glocken Deutscher Dome überstanden, welches das Radio traditionsgemäß am Weihnachtsabend sendete, nur kurz unterbrochen durch eine Aufmerksamkeitsviertelminute, in der alle sich bemühten die Stimme des "Dicken Peters" aus dem Geläut des Kölner Doms herauszuhören. Der wird nur einmal im Jahr geläutet, hieß es, zu Weihnachten, oder vielleicht zweimal, also zu Ostern auch, weil die Glocke so groß sei, dass sie den Turm, in dem sie oben hing, über ihren Glockenstuhl in solche Schwingungen versetzte, dass der da oben beim Läuten regelmäßig Kreise von einem halben Meter beschrieb. So etwas regte die Fantasie mächtig an, besonders wenn man glaubt, die Glocke würde bewegt und nicht der Klöppel, und Fritz demonstrierte, was seiner Meinung nach schon seit Jahren längst fällig war: die Glocke, so groß wie ein Einfamilienhaus, schwingt im Turm wild hin und her, der Glockenstuhl macht sich selbständig, gerät aus den Fugen - kniiirsch, kraaaaach, splitter, brösel, und die Glocke löst sich, bricht aus und rast, durch ihr immenses Gewicht ungehindert bis zur Überschallgeschwindigkeit beschleunigt und ohne durch solche Lächerlichkeiten wie das Treppenhaus aufgehalten im Turm abwärts, bababababababam, das waren die einzelnen Stockwerke, peng, boing, schepper und begräbt zum Schluss einen Berg Schutt unter sich - baffff, Staubwolke buffff! "Frö-Höllische Wein-Nacht...", hatte Franz kommentiert, und Fritz war im Begriff das anschließende Umkippen des Kirchturms nachzuspielen, als sich der Vater Ruhe ausbat, zum Donnerwetter, man wolle wenigstens die Glocken läuten hören zu Weihnachten. "Übberr-Alll", konnte Franz noch leise nachschieben, begab sich aber dabei sicherheitshalber aus der Reichweite der elterlichen Extremitäten.

Der Segen des Heiligen Vaters URBI ET ORBI war dann auch ohne weitere Zwischenfälle über die Bühne gegangen. Lediglich war der Franz auf Nachfragen von der Großmutter darüber aufgeklärt worden, dass die seltsame Ausdrucksweise URBI ET ORBI lateinisch sei, und der Buchstabe R vermutlich nur deshalb in diese Worte eingefügt worden war, weil der Vatikan zum heiligen Christfeste keine Schleichwerbung für Baumärkte und andere Unternehmungen verbreiten dürfe, selbst wenn diese zu seinen Sponsoren zählen sollten. Der Fritz, der jeden Werbespot sofort nachäffte, begann schon mit leicht näselnder Stimme "Cari fratelli e sorelle..." zu intonieren, schwenkte aber sogleich um auf das HB-Männchen, dessen Gezappel seinem Naturell viel mehr zu liegen schien, und damit war er einfach nicht mehr ministrabel. Während all' dieser Zeit hatte die Rennbahn keine ruhige Minute erlebt, und die Reifen begannen bereits zu glühen. "Glühen" bedeutet im Süden soviel wie "heizen" im Norden, nämlich schnellfahren, oder treffender: rasen. Noch einmal war Fritz dem Radiosprecher mit seinen spätabendlichen Weihnachtsgrüßen an die deutschen Seeleute auf allen Weltmeeren, Handys gab es ja noch nicht, mit einem im Hans-Albers-Stil verwaschen hingenölten "hië is' Hambuich, hië is' Hambuich, hië is' Hambuich, wirrr grrrrrrrüüüßen alle See-Iloite nåh un' feean", na ja, jedenfalls mit einem weihnachtlichen Theater-"R" zuvorgekommen, bevor das Anthrazit-Feuer im Ofen langsam heruntergebrannt war, und der Vater die Christbaumkerzen löschte, was er immer eigenhändig zu unternehmen pflegte. Erst wenn jede Kerze unweigerlich verloschen war, fühlte er sich wieder auf der sicheren Seite. Die Mutter hatte inzwischen die Fenster geöffnet und zum CO2-Hinauslüften den Winter hereingelassen, ein untrügliches Zeichen dafür, das es Zeit war zu Bett zu gehen. Stecker herausgezogen, und der Trafo hatte Pause, zumindest bis morgen, oder soll ich sagen bis heute früh gegen halb sechs?

collection clasen: Faller AMS 4001 «Grundpackung» 3. Version

Nur ein Jahr lang ist die Grundpackung 4001 in einem schmalen Karton verkauft worden, danach gab es im neuen Karton mehr Platz. Gleichzeitig wurde eine 90-Grad-Kurve 4390 durch zwei 45-Grad-Kurven 4345 ersetzt, was den Aufbau einer symetrischen Acht gestattete. Sobald die Fahrbahnen statt braune weiße Randstreifen erhielten, fanden sich natürlich auch solche in der 4001. Der Mercedes 190SL wurde durch den Mercedes 230SL ersezt, und der Porsche 356 machte dem modernen Porsche 911 Platz. Da möglicherweise noch alte schmale Leerpackungen erst später bestückt sein konnten, und der Porsche 911 viel früher als 1968 in die Produktion ging, ist die Zuordnung nicht immer sicher. In die Zeit der Umstellung fiel wohl auch die Umwandlung des österreichischen Importeurs, der Firma Hoffmann aus Braunau am Inn, die bis dahin AMS-Artikel unter der Marke "H0bby" in der Alpenrepublik vertrieben hatte. Aus diesem Großhandel wurde eine Faller-Werksniederlassung, und AMS-Artikel ließen sich mit der Herkunftsbezeichnung "Made in Austria" in die EFTA-Länder verkaufen, was von Österreich aus zollfrei vonstatten ging im Gegensatz zu einem Vertrieb aus der Bundesrepublik, die der EWG, also der Konkurrenzorganisation angehörte.

collection clasen: Faller AMS Geschenkpackung «Made in Austria»

Österreichische Packungen trugen dementsprechend einen schwarzen Balken über dem "Made in Germany" und darunter den schwarzen Stempel "Made in Austria". Welche Made da woher kam, wollen wir im Nachhinein nicht wirklich untersuchen, interessant ist allein die Tatsache, dass sowohl ältere Packungen als auch Fahrbahnen mit braunen Randstreifen noch längere Zeit aus Österreich geliefert sein können, wobei die Fahrzeugbestückung durchaus schon die neueren Mercedes- und Porsche-Modelle umfassen mochte. Alle Kombinationen aus den genannten Variationen sind also grundsätzlich nicht undenkbar. Was nicht möglich war, ist die dritte Variante der 4001 in einer schmalen Packung von 1964. Diese letzte Variation enthielt nämlich statt der Fahrpulte 4031 die Handregler 4033 in einer eigens tiefgezogenen ABS-Schale, die in die schmale Packung nicht hineinpasst. Diese dritte Version der 4001 sehen Sie im letzten Bild. Das Innere unterscheidet sich von Version zwei allein durch die Verwendung der Handregler 4033 anstelle der Fahrpulte 4031. Das Bild zeigt außerdem einen Mercedes 230SL Cabriolet statt der "Pagode" mit dem Hardtop, was nach Ansicht des Autors nicht die Originalbestückung darstellt. Die Verblisterung, die die Packung eigentlich als "ungeöffnet" charakterisieren sollte, ist möglicherweise genausowenig original, sondern das Ergebnis kreativer Nachgestaltung zur Sammelwerterhöhung. In dieser Richtung gibt es bemerkenswerte Aktivitäten. Ganz ausgeschlossen ist die Originalität beider Befunde allerdings nicht.