Fällt Ihnen etwas auf? Ja - collection clasen ist in braun statt rot geschrieben, aber das ist nicht gemeint, sondern das Bild. Es handelt sich um das Deckelbild der Originalverpackung 4784 "Bordstreifen", ein Faller-AMS-Zubehör aus den Anfangstagen, mit dem man sehr schön Brückengeländer nachbilden kann. Wozu die Bordstreifen dem Katalog zufolge ja auch gedacht waren.

Warum die Dinger dann Bordstreifen hießen und nicht Brückengeländer, hat sich der kleine Fritz 1963, 1964 und auch noch 1965 gefragt ohne es bis heute in Erfahrung bringen zu können. Die sonst so freundliche Inhaberin des Haushaltswarengeschäftes am Platz vorne hat er sich nicht zu fragen getraut. Die wurde bei solchen Fragen immer ganz unfreundlich und begann in der Schublade nach ihren Beruhigungspillen zu kramen, und ein Hausverbot wollte er nicht riskieren, dazu führte der Laden zu viele verlockende Faller-AMS-Artikel. Die dummpfiffigen Verkäufer im Warenhaus in der Stadt zu fragen war die Straßenbahnfahrt nicht wert, das wusste der kleine Fritz, und so blieb die Benamsung der grauen Fahrbahn-Außenbegrenzungen bis heute ein ungelüftetes Faller-AMS-Geheimnis.
War die Bezeichnung des Inhalts schon mysteriös genug, konnte der Blick auf das Deckelbild schon fast elektrisieren: Was sehen wir? Eine Kirche, Straßen, Häuser, Bäume, Schilder, Begrenzungspfähle, Randsteine, Böschungen, Brückenpfeiler und die Bordstreifen, alles O-Ton Faller. Auch die grüne Schaumstoff-Bodenmatte mit dem herumliegenden Streumaterial und der hochalpine Hintergrund aus dem Faller-Atelier der Fünfziger Jahre, alles bekannt. Und fünf Autos. Aber hier wird's speziell. Unten fahren drei Mercedes-Benz-220-Karossen, offensichtlich die ersten aus der Urform, die gleich aufs Bild gebannt wurden. Schließlich musste der Katalog ja fertig werden, und das möglichst vor Beginn der Produktion um die rechte Nachfrage zu triggern. Aber wie kann man etwas ablichten, was noch garnicht produziert ist? Die Modellbahnhersteller zeigen das seit Jahrzehnten auf der Nürnberger Spielwarenmesse zu Jahresbeginn: ein Handmuster wird ausgestellt, und daran der Bedarf abgeschätzt. So sind die blauen Mercedes-Farben denn auch später in die Serie gegangen, der rote mit dem schwarzen Dach dürfte jedoch vermutlich ein Einzelstück geblieben sein, auch wenn es später rote Karossen gab, die aber nicht mehr zweifarbig ausgeführt waren - ein echtes Fotomodell also. Dasselbe Bild, nur mit anderen Häusern und leicht verschobenen Autos, findet sich übrigens in der Faller-AMS-Druckschrift 851 von 1963 auf Seite 36 und im inneren Deckelrand der ersten Anfangspackungen 4001 - 4004.
Aber auf der Brücke, welche Exoten tummeln sich dort? Der Rote sieht ja ein wenig aus wie ein Ford, fand jedenfalls damals der kleine Fritz, musste sich aber gleichzeitig eingestehen, dass das Gefährt selbst als Urform des Taunus 17M "Badewanne" ziemlich missraten war. Und der Weißblaue ging selbst als bayrische Variante des schwäbischen 220er Benz nicht wirklich durch. Sogar auf die Distanz fiel ein deutlicher "Hüftschwung" der Karosserie ins Auge und offensichtlich metallisch glänzende Felgen, die bei Fallers damals noch nicht im Angebot waren. Mangels näherer Informationen gab sich Klein-Fritz deshalb zunächst mit der selbstgestrickten Erklärung zufrieden, es seien offensichtlich irgendwelche einmaligen Prototypen, die Faller da hatte fotografieren lassen, als fotografieren noch photographieren geschrieben wurde. Nur seltsam, dass passende Vorbilder nicht im zeitgenössischen Straßenbild auftauchten, zumindest nicht im Deutschland der Sechziger Jahre. Später, als Fritz nicht mehr so klein war und Sir Arthur Connan Doyles Sherlock Holmes gelesen hatte, begann er die Spur wieder aufzunehmen. Als Dr. Watson schien ihm Bruder Franz die ideale Besetzung zu sein, was sich aber regietechnisch als Fehler herausstellen sollte. Ein Auto, so befand Franz, nachdem er sich Fritzens Vortrag mit notdürftig geheucheltem Interesse hatte anhören müssen, ein Auto hatte vier Räder zu haben und sauschnell zu sein. Er selbst hatte im Zuge seiner AMS-Rennfahrerkarriere schließlich gelernt auf alles überflüssige Beiwerk zu verzichten, also beispielsweise Stoßstangen, Fenstereinsätze und derlei Firlefanz, der sowieso bei den Parabelflügen vom Küchentisch regelmäßig abhanden kam. Automarken? Wer kümmerte sich denn darum? Das Ding war klein, rund, hatte vier Räder und war schnell. Weil es auch noch gelb war, nannte er es "Gilb", denn einen Namen brauchte das Ding schließlich. Gilb war in den späten Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts ein kleiner rundlicher Zeichentrick-Gnom, der in einer Waschmittelwerbung alle Gardinen vergilbte. Dass die Quarzerei daran schuld war, traute sich damals niemand öffentlich zu vermelden, so fest verankert und gesellschaftsfähig war die Sucht noch. Franz war das alles schnurz wie piepe, heute würde man sagen: "Das geht mir sowas von am A.... vorbei", aber das sagen wir hier nicht. Wenn Faller ein Auto auf ihrem Kartondeckel abbilden wollte, dann doch sicherlich, weil sie eine Autobahn verkauften. Wer sollte daran etwas besonderes finden? Okay, die Karren sahen anders aus als der Gilb, aber es gab auch unter allen bekannten Fallerfahrzeugen keines, was dem Gilb in seiner aktuellen Rennausstattung auch nur entfernt ähnlich sah. Reste von Aufklebern und Knetmasse zusammen mit unzähligen Unfällen hatten die Spuren zum Hersteller des Originals so nachhaltig verwischt, dass der Aufwand ihrer Aufdeckung in keinem Verhältnis zum zu erwartenden Lustgewinn stehen mochte, und dann erst die Suche nach völlig unbekannten Deckelbildphantomen? Nein, entschied Dr. Watson, da wollte er nicht mitmachen. Als Trostpflaster bot er Fritz noch den Gilb zum Kauf an, für einen Preis unter Brüdern, versteht sich. Das Geld wollte er lieber in einen Kinobesuch mit Freundin investieren, ein Hobby, was mit fortschreitendem Reifegrad zunehmend an Bedeutung gewann. So ließ sich also die Sache mit dem Hüftschwung in der Karosserie offensichtlich nicht klären, zumindest nicht in der Art, wie sich Fritz das vorgestellt hatte. Franz hingegen bedeutete seinem Bruder beim Geldeinstreichen augenzwinkernd, er nehme die Angelegenheit so ernst, dass er ihr noch heute abend auf den Grund gehen und morgen Bericht erstatten wolle.
Wenn also, so kombinierte Sherlock Holmes, Dr. Watsons Recherche sowieso nur Unfug ergeben würde, zumindest hinsichtlich der Autos oben auf dem Bild, und sich kein Vorbild in Deutschland finden ließ, dann könnte es doch möglich sein, dass da irgendwo im Ausland... hm ...und die meisten Vorbilder suchte man damals in den USA... ...und die fuhren ja auch solche Chaisen wie Cadillac und Chevrolet und weiß der Kuckuck was für Benzinvernichtungsmaschinen in der Gegend herum. Irgend so ein Schlitten könnte vielleicht das Vorbild sein. Der Hüftschwung war zweifelsohne das gestalterische Überbleibsel eines Kotflügels und erinnerte ein wenig an die alten Opel-Karossen aus den Fünfziger Jahren, aber von denen passte auch keine so wirklich, wenn er sich das Deckelbild genau besah.

Aber, auf der anderen Seite des großen Teiches, so die nicht ganz von der Hand zu weisende Mutmaßung, saß die Autofirma GM, General Motors, und die hatten ja schon lange Opel aufgekauft. Und sollte nicht in deren Werkshallen der Urtyp dieses Hüftschwungs irgendwann einmal zusammengeschraubt worden sein? Die Recherche gestaltete sich mehr als zäh, und das über Jahre hinweg, zugegbenermaßen durch andere Schwungformen mehrfach auf das Längste unterbrochen, bis er plötzlich auftauchte, dieser Hüftschwung, noch dazu in Rot und im Original. Nun war klar:
Das war das Original! Jetzt musste Sherlock nur noch herausfinden, zu welcher Automarke die Hüfte gehörte, und dann würde sich ja zeigen, ob Faller ein solches Plastikförmchen dereinst auf ein Chassis gesetzt hatte oder nicht. Eins war jetzt schon klar: ein regulär im Handel erschienenes Modell war es auf gar keinen Fall, dafür kannte er alle Faller-Sündenfälle recht gut. Faller-AMS-Racing-Modelle fielen auch weg, die Aurora-AFX-Schüsseln aus den späten Siebzigern waren für solche Vergleiche einfach zu jung, denn wie hätten die zwanzig Jahre zuvor für ein Deckelbild Modell stehen können? Schließlich, nach langer Durchmusterung aller Chevrolet-Modelle landete die gezielte Suche endlich den ersehnten Volltreffer. Nicht der Chevrolet Impala, den Freunde immer als Vorbild vermutet hatten, und der es zu vielen Modellvarianten und einer recht ansehnlichen Produktionszahl hatte bringen können - Impalas gibt es wohl heute noch in der aktuellen Palette, zumindest wird immer einmal wieder ein Modell so genannt - , sondern der Chevrolet Biscayne Four Door Sedan, eine Blech-Ikone von 1958, war offensichtlich das Vorbild.
So sah er aus, ein echtes Flaggschiff mit zeittypischen Weißwandreifen und - hier rieb sich Sherlock verwundert die Augen - mit Stern-Felgen! So etwas gab's bei Fallers nur für den Mercedes und auch nur ganz am Anfang der AMS-Zeit, als noch hauptsächlich die Plattenchassis unterwegs waren. Sollte also Faller vielleicht doch...? Nein! Dieser Schlitten war eindeutig ein Chevrolet, und die anderen waren genauso unzweideutig Mercedes-Benz-Modelle. Und genauso sicher, wie letztere aus dem Faller-Formenbau stammten, galt das für den Chevy eben nicht. Einen Chevrolet hat Faller nicht nachgebildet, nicht 1963 und nicht später. Also, um die unausgesprochene Frage in der Überschrift diese Kapitels zu beantworten: nicht Faller. Wer aber dann? Es hatte immer einmal wieder bei Renn-Nachmittagen im Freundeskreis Modelle eines anderen Herstellers gegeben, die als Geschenke aus den USA gekommen waren, so Autos mit Flachanker-Motoren und Metallzahnrädern, von denen einige sehr flott unterwegs gewesen waren, und alle eigentlich ziemlich viel Lärm verbreitet hatten, weshalb die Erinnerung daran noch lebendig war. Aber das waren allesamt kleine Rennsemmeln gewesen, Porsche GT oder McLaren Elva oder so etwas ähnliches, kein Industriellen-Bagger wie der Chevrolet Biscayne mit seinen vier Türen und dem gefügelten Kofferraum.
Wie wär's mit diesem Modell? Hört auf den Namen Chevrolet Sedan, besitzt die Katalog-Nummer 3103, wurde - jetzt halten Sie sich fest - bereits im Jahre des Herrn 1959 hergestellt und gehört zu einer Serie von vier Fahrzeugen des Playcraft Electric Highways Model Motoring Systems. Der Name dieser Modellautobahn ist noch viel länger als Auto Motor Sport und wäre besser gekürzt worden wie AMS, wurde er aber nicht. Vornehm geht die Welt zugrunde. Allein aus dieser Bandwurmbezeichnung lässt sich ableiten, dass der Hersteller wohl kaum in den USA beheimatet war, denn sonst hätte die Autobahn schlicht Playcraft HMM geheißen oder so ähnlich. Playcraft? Kennen wir die nicht irgendwoher? Aber sicher - das ist doch die Truppe, die in England die Egger-Bahn-Modelle von Jouef verkaufte (siehe unter Egger-Bahn-Geschichte auf diesen Webseiten), damals als Besitzer die Corgi Toy-Autos nach Frankreich exportierte (der Importeur hieß sinnigerweise Jouef) und dann auch eine große Autobahn im Programm führte, die in Deutschland unter dem Namen Egger Silberpfeil bekannt werden sollte, Hersteller Jouef. Aha, immerhin so interessant, dass wir diesem Gemischtwarenladen im Rahmen eines eigenen Kapitels einmal in die Geschichtsbücher gucken wollen. Und was haben die jetzt mit Faller zu tun? Antwort: vermutlich garnichts. Außer, dass Playcraft der erste Hersteller von motorgetriebenen Slot-Cars im angenäherten H0-Maßstab war und seine Autobahn erstmals auf der Spielwarenmesse in Brighton 1959 einer brighten, sorry breiten Öffentlichkeit vorgestellt hatte. Und dort hat sich vielleicht ein Spion aus dem Badischen ein Auto gekauft. Ist ja erlaubt. Auch Spione sollen nicht zu Fuß laufen müssen. Herr Guilleaume, der als U-Boot im Kanzleramt seinerzeit Willy Brandy, den großen alten Mann des Blues, hat ausrutschen lassen, fuhr schließlich auch Auto, zumindest bis er auf weiteres hinter schwedischen Gardinen gesiebte Luft atmen durfte. Wenn also ein industriespioniertes H0-Autochen vier Jahre später ein Deckelbild ziert, und das jahrelang, dann ist das vermutlich ein Versehen, ein Affront, eine kommerzielle Verwertung, ein Kunstraub, eine Wertschätzung britischer Hochtechnologie, ein Lizengebrauch oder nichts von dem bzw. alles zusammen, zutreffendes bitte ankreuzen, Mehrfachnennung möglich, der Kandidat hat 10 Sekunden Zeit, antworten Sie bitte - jetzt!
Jetzt möchten Sie bestimmt wissen, wie die Geschichte weitergeht mit Faller, Playcraft und Aurora, die danach die Lizenz zum H0-Autobauen erhielten, und wer die rote Salatschüssel auf der AMS-Brücke seinerzeit aus ihrer Urform gepellt hat. Seien Sie versichert, der Autor auch.
Sherlock Holmes indes ließ die Frage nach dem roten Gefährt auf der Brücke nicht los. Nicht dass die Antwort von fundamentaler Bedeutung für die abendländische Modellspielwarengeschichte zu werden versprach, nein es war eher das Grundsätzliche einer über lange Zeit unbeantworteten Frage, von der er wusste, dass die Antwort existieren musste, nur noch nicht im eigenen Kopf. Dr. Watson, der sich schon bei der Suche nach dem blau-weißen Chevrolet als Reinfall erwiesen hatte, zeigte sich auch beim zweiten Sujet gänzlich desinteressiert. Für ihn war das Ding ein Ford oder so etwas ähnliches, wie man unschwer an den tiefliegenden Augen - er meinte damit die Lampenfassungen - erkennen konnte. Schließlich hatte der Ford Taunus 17M auch solche Augenränder, und die hätte er, Watson, auch, wenn er mit solch' einer Familienkutsche Rennen fahren müsste. Sprach Dr. Watson und ließ Sherlock mit seinem Problem allein im Spielzimmer sitzen. Gut - wenn er meinte, dann schauen wir uns die Brücke mit dem Auto noch einmal näher an:
Hm, da hatte Dr. Watson nicht ganz unrecht. Das Ding sah wirklich aus, als habe jemand den 17M irgendwie zum Coupé umgeschustert und mit einigen Proportionen mächtig übertrieben. Vielleicht war auch das Modell nur grob gearbeitet. Es passte offenbar gut zu den ersten sechs AMS-Autos, die allesamt angemalte und nicht separat eingesetzte Chromteile besitzen. Der Mercedes auf dem Bild war eindeutig ein Faller-Produkt, und der Rote war das ebenso eindeutig nicht.
Es sollten viele Jahre vergehen, in denen die Frage nach der Herkunft des rätselhaften Coupés hinter vielen wichtigen Dingen des Lebens zurücktreten musste und jede Wichtigkeit vermeintlich eingebüßt zu haben schien, bis auf einmal aus dem Nichts heraus eine Antwort auftauchte. Solche Dinge sind gar nicht so selten, in der Kriminalistik heißt das Phänomen Kommissar Zufall, und in der Wissenschaft verhelfen sie gelegentlich einem Querdenker zum Nobelpreis. Die Formel für den Benzolring hat sein Entdecker geträumt genauso wie Mick Jagger die Melodie zu seinem Mega-Hit "Satisfaction" - so sagt er jedenfalls, das klingt so schön genial - , und die multiple chain reaction, mit deren Hilfe unter anderem das menschliche Genom entziffert werden konnte, ist seinem Entdecker bei einem Blitzschlag während eines heftigen Gewitters auf der Heimfahrt von seinem Institut eingefallen. Auch das klingt so richtig genial. Weniger genial, aber genauso plötzlich stand eines sonnigen Tages auf einer Oldtimer-Show in den fernen Staaten ein rotes Auto vor Sherlock oder Sherlock vor einem roten Auto, wie man's nimmt.
Donnerwetter! Er wollte ja kein Auto kaufen, aber dieses war schon ein Schmuckstück. Und, denkt man sich die Chromzierleisten einmal weg, dann könnte das doch, oder nicht, oder nicht doch, oder etwa doch? Ford Thunderbird stand da in chromblitzenden Lettern auf dem hochglanzpolierten Blech. Aha. Nun gibt es von Ford vermutlich soviele Thunderbirds wie von GM Impalas. Einen großen Namen gibt man nicht so schnell auf, und der Donnervogel oder T-Bird, wie die Amerikaner das Playboy-Spielzeug der Sechziger kurz nennen, hat auch heute (2011) noch einen ausgezeichneten Ruf, und dem machte er auf der Show auch alle Ehre. Baujahr 1962, erklärte der Besitzer stolz, und Sherlock begann zu kalkulieren:

1963 erschien das Bild auf dem AMS-Deckel und im Heft. Faller hatte offensichtlich ein fremdes Modell benutzt, dessen Urform demnach sofort nach Erscheinen des 62er Thunderbird-Originals hergestellt sein musste, und dann musste bereits die Produktion und der Vertrieb der Modelle stattgefunden haben. Sicher war davon auszugehen, dass der Verkaufsstart sinnvollerweise vor Weihnachten 1962 terminiert war, denn im Sommer eine Slot-Karre an den Strand zu liefern, war sicher nicht Zweck der Übung gewesen. Auf irgendeiner Spielzeugmesse im Ausland hatte vielleicht wieder ein Spion aus dem Badischen herumgeguckt. Brighton in England war es diesmal sicher nicht gewesen, und Playcraft schied als Hersteller aus, denn von dieser Firma gab es insgesamt nur vier Autos, und ein Ford T-Bird war nicht dabei. Also wo dann, und wer kam in Frage? Viele Produzenten gab es 1962 nicht, denen man die Herstellung eines solchen Modells zutrauen konnte. Aber vielleicht war das ja gar kein Slot Car, vielleicht war es nur ein Handmodell, ein Schiebeauto oder eine Dreingabe in irgendeiner Cornflakes-Packung oder weiß der Kuckuck was für ein Plastikteil. Aber, betrachtet man sich das Ding genauer, sieht es schon aus wie ein Faller-Auto: die gleiche Größe, offenbar auch ein Führungsstift, sehr ähnliche Reifen, alles in allem perfekt passend zur Serie der ersten AMS-Autos. Fand Sherlock Holmes, und stellte sich gleich die Frage, ob da Faller nicht, sagen wir einmal, gelernt hatte, wie man solche Autos baut. Wäre doch möglich. Immerhin war dieses Modell offenbar früher im Umlauf als die AMS-Palette. Vielleicht gab es das Original dieser Thunderbird-Ausführung von Ford ja bereits 1961 oder sogar 1960, dann hätten die Modellbauer alle Zeit der Welt gehabt, und der Verkaufsstart lag noch vor 1962. Nun gut, das ließ sich auf der Oldie-Schau nicht klären, und so mussten die Fragen warten, bis Slot-Car-Enthusiasten begannen über fast alle Firmen und ihre Modelle Bücher zu schreiben und Fotos zu veröffentlichen. Sherlock fand schnell heraus, dass der Aurora-Thunderbird deutlich anders aussah, auch wenn auf den Plakaten zur Aurora-Ford Rennserie (siehe unter "die Anderen" auf diesen Webseiten) das Ford-Original so abgebildet ist, als sei es das direkte Vorbild des roten Modells. Aber das war ja das Vertrackte: Es
war ja offensichtlich das Vorbild, und T-Bird sah nun 'mal so aus wie T-Bird. Wer das jetzt nicht wirklich verstanden hat, braucht sich nicht zu grämen, dem Autor geht's nicht anders.
Eigentlich war da nur noch die Firma Atlas, die wir schon aus der Egger-Geschichte kennen. Die verkauft in den Staaten Spielzeug, besonders Modelleisenbahnen, die sie in allen Herren Ländern herstellen lässt. Das tut sie noch heute und das tat sie auch 1962. Damals allerdings führte sie auch eine H0-Autobahn im Programm, interessanterweise eine mit Fahrbahnen, die in gleicher Weise mit übrigens absolut identischen Messingverbindern zusammengesteckt wurden, wie später dann die Faller-Bahnen. Auch die Firma Lionel aus den USA benutzte die gleichen Straßenteile. Wer da von wem abgekupfert oder wie auch immer gemeinsam produziert oder produzieren lassen hatte, wollen wir nicht hinterfragen. Bei Fallers stand ja immer "Made in Germany" unter den Fahrbahnen, zumindest unter den braunberandeten, und die wurden sicher auch in Germany gemadet und nicht in Japan wie die Plastikteile von Atlas. Das stand zwar dort nicht überall drauf (o.k., schlechtes Deutsch, aber drauf, drüber und drunter gehören nach Meinung des Autors zu den unersetzlichen Ausdrücken der Umgangssprache), also bei Atlas stand zumeist Atlas drauf und nicht Japan, aber Atlas hat keine Fahrbahn und im übrigen auch keine H0-Autokarosserie selbst hergestellt.

Alles gut und schön, aber auch der Atlas-Donnervogel sah anders aus als das rote Phantom auf der Brücke. Fand jedenfalls Sherlock Holmes nach Studium des Deckelbildes der Atlas-Geschenkpackung "Landau Set", auf dem übrigens ein zeitgenössischer Chevrolet Impala unmittelbar hinterherfährt, und - glauben Sie mir - bei
dem Auto fehlt jeder Hüftschwung. Allerdings muss zur Ehrenrettung der Freunde gesagt werden, dass es auch einen Chevrolet Impala mit Hüftschwung gegeben hat, quasi die Coupé-Variante des Four-Door-Sedan, aber das war nicht das Vorbild des weiß-blauen Autos gewesen, sondern eben der genannte Sedan, denn so hieß der Schlitten nun 'mal bei Playcraft, und die wussten sicher, welches Modell sie da auf die Weißwandreifen gestellt hatten. Mr. Holmes hatte auch mit seinen Zweifeln an der Übereinstimmung des roten Modells mit der T-Bird-Zeichnung recht, zumindest solange, bis er herausfand, dass es von Atlas zwei T-Birds gegeben hatte: eine Version mit zugerüsteten Chromteilen etwa vergleichbar den Faller-Karosserien aus der zweiten Generation (zum Beispiel der Mercedes-Benz 230 SL) und eine ganz frühe Ausführung, die tatsächlich genauso aussah wie die Lady in Red. Ein wenig zerknautscht zwar und etwas schräg proportioniert - der rechte vordere Kotflügel ist größer geraten als der linke - aber als Schnellschuss 1962 oder 1961 durchaus akzeptabel. Hinzu kommen wirklich ausgezeichnete Laufeigenschaften: Das Modell auf den Bildern ist mit dem ersten Atlas-Chassis ausgestattet, ein Teil mit Kronradgetriebe wie die allerersten AMS-Plattenchassis - seeeeeehr ähnlich - aber mit einem fünfpoligen Anker, glatter Luxus! Fast fünfzig Jahre nach Produktionsbeginn lässt sich dieses H0-Auto auf seine dünnen Original-Reifen stellen und fährt so flott und geschmeidig wie ein wirklich gut eingefahrener Faller-Blockmotor der letzten Generation und meistert Kreuzungen, Abzweigungen, Bodenwellen und Steilwandkurven als wäre es erst gestern im Hobby-Shop gekauft, und dabei ist es ein halbes Jahrhundert alt. Alle Achtung!